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Gastkommentar

Tut man der Umwelt einen Gefallen, wenn man sein altes, noch fahrtüchtiges Auto gegen ein Elektro-Auto eintauscht?

Wer sich heute einen neuen PKW kauft, weil sein altes Auto das Ende seiner Lebenszeit erreicht hat, ersteht sich vorzugsweise eine Elektrofahrzeug: Die Umwelt weiss es zu danken.

Thomas Baumann am 09. September 2024

Doch wie sieht es aus, wenn das alte Fahrzeug noch fahrbar ist? Sollen es umweltbewusste Automobilisten dennoch bereits vorzeitig gegen ein Elektrofahrzeug eintauschen?

Es ist offensichtlich: Kaum jemand würde ein Fahrzeug, dass gerade einmal ein oder zwei Jahre alt ist, zu verschrotten. Daher soll hier der Fall eines achtjährigen Fahrzeugs betrachtet werden. Acht Jahre ist ziemlich genau die Hälfte der geschätzten Lebenszeit eines Autos.

Die Berechnung stützt sich auf die folgenden Annahmen, welche ziemlich realitätsnah sind.

  • Lebenszeit Auto (egal ob Benziner oder Elektroauto): 16 Jahre.

  • Lebenszeit Batterie Elektrofahrzeuge: 12 Jahre.

  • CO2-Ausstoss für die Produktion einer Elektrobatterie: 6 Tonnen CO2

  • CO2-Ausstoss für die Produktion eines Autos (ohne Batterie): 8 Tonnen CO2.

  • Jährliche Fahrleistung: 12'200 Kilometer.

Tesla gibt die Lebensdauer einer Batterie mit acht Jahren oder 160'000 Kilometer an, wir rechnen hier optimistisch mit zwölf Jahren. Den CO2-Ausstoss bei der Produktion seiner Autobatterie beziffert Tesla selbst auf mindestens sechs Tonnen.

Verschrottet man sein altes Benzinfahrzeug bereits nach acht anstatt sechzehn Jahren, so verbraucht man für die folgenden acht Jahre zusätzliche ‹graue Energie›, welche einem CO2-Ausstoss von 8 Tonnen entspricht: vier Tonnen für zwei Drittel der Lebensdauer einer Batterie (8 von 12 Jahren) und nochmals als vier Tonnen für die halbe Lebensdauer eines neuen Fahrzeugs (ohne Batterie).

Gemäss den neuesten Zahlen des Bundesamts für Energie (BFE) verbrauchen im Jahr 2023 neu zugelassene Benziner (inkl. Hybrid) im Durchschnitt 6.68 Liter pro 100 Kilometer. Gemäss historischen Daten des BFE waren es im Jahr 2016 jedoch bloss ungefähr 5.8 Liter.

Dazu gibt es zweierlei zu bemerken: Heute achtjährige Fahrzeuge wurden 2016 in Verkehr gesetzt. Bei der Datenreihe zum Verbrauch scheint es jedoch einen Strukturbruch zu geben. Wir gehen daher vorsichtig von einem Verbrauch von sieben Liter pro hundert Kilometer für diese Fahrzeuge aus.

12'000 Fahrkilometer bei einem Verbrauch von 7 Liter Benzin pro hundert Kilometer entsprechen einer Gesamtemission von zwei Tonnen CO2 pro Jahr oder 16 Tonnen in acht Jahren.

Ein neu angeschafftes Elektrofahrzeug verursacht alleine aufgrund der zu seiner Produktion aufgewendeten grauen Energie bereits acht Tonnen CO2. Den CO-Ausstoss für die Fahrleistungen noch nicht mit berücksichtigt.

Gemäss BFE-Zahlen verbrauchen neu zugelassene Elektrofahrzeuge exakt 18 kWh pro hundert Kilometer. Das entspricht ziemlich genau einem Tesla S. Je nach Strommix fallen hier unterschiedlich hohe Emissionen an.

Bei einem CO2-Ausstoss von 200 Gramm pro Kilowattstunde, wie er für die EU 27 geschätzt wird, resultieren daraus 3,5 Tonnen CO2 in acht Jahren. Nimmt man stattdessen den deutschen Strommix von aktuell 380 Gramm CO2 pro Kilowattstunde, dann wären es hingegen fast sieben Tonnen.

Während europaweit des vorzeitige Verschrotten eines PKWs etwa einem Viertel CO2 einspart, sinkt die Differenz im Falle Deutschlands gegen Null.

Etwas besser sieht es für die Schweiz aus: Da hier der Strommix deutlich sauberer ist, liesse sich unter den gegebenen Annahmen mit dem vorzeitigen Ersatz eines Benzinfahrzeugs durch eine Elektroauto rund dreissig Prozent CO2 einsparen.

Aus individueller Sicht sieht das allerdings etwas anders aus: Mehrere zehntausend Franken für ein neues Auto ausgeben, um damit gerade einmal 37,5 Prozent — oder in acht Jahren sechs Tonnen — CO2 einzusparen, scheint ein ziemlich teurer Spass.

Eine Retourflug von Zürich nach New York entspricht je nach Berechnungsweise bereits einem CO2-Äquivalent von drei Tonnen. Durch den vorzeitigen Ersatz eines Autos lassen sich selbst in der Schweiz mit ihrem relativ umweltfreundlichen Strommix in acht Jahren gerade einmal die Emissionen von zwei Flügen Zürich-New York einsparen.

Und dabei sind dynamische Effekte noch gar nicht mit berücksichtigt: Steigt der Stromverbrauch, z.B. durch dem Umstieg von Benzin- aus Elektrofahrzeuge, dann lässt sich in der kurzen Frist die notwendige Kapazitätsausweitung nicht mit Ökostrom oder Atomstrom decken.

Vielmehr dann müssen in diesem Fall besonders umweltschädliche Gas- oder Kohlkraftwerke ans Netz. Bei einem Ausstoss von gegen einem Kilogramm CO2 pro produzierter Kilowattstunde, sind mit solchen Strom betriebene Elektrofahrzeuge alleine im Betrieb bereits ebenso umweltschädlich wie Benzin- oder Dieselfahrzeuge.

(Bild: Symbolbild)

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Autor/in
Thomas Baumann

Thomas Baumann ist freier Autor und Ökonom. Als ehemaliger Bundesstatistiker ist er (nicht nur) bei Zahlen ziemlich pingelig.

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