logo

Mythos Davoser Schlitten

Zwei Kufen, fünf Holzlatten und eine Kordel: der Davoser Schlitten

Zwei Kufen, fünf Holzlatten und eine Kordel: der Davoser Schlitten. Wer kennt ihn nicht, den meist benutzten Schlitten der Welt? Begonnen hat seine Geschichte 1883 am ersten Schlittenrennen im bündnerischen Davos.

Urs Oskar Keller am 06. Januar 2024

• In den 1870er-Jahren tüftelte der Davoser Skipionier Tobias Branger an einem Eschenholzschlitten mit zwei Eisenbeschlägen als Kufen. Er nannte ihn «Davoser Sportschlitten». Der «Davoser» repräsentiert die Maxime des Schweizer Designs: Reduziert, funktional, hochwertig, schlicht und kompatibel.

Schlitten werden seit Jahrtausenden genutzt. Sie gelten als eines der ältesten Transportmittel der Menschen und wurden im Alpenraum unter anderem für Heu-, Holz- und Gütertransporte eingesetzt. «Davoser» oder «Grindelwalder» sind im letzten Jahrhundert aus leichten norwegischen Schlitten entstanden, die damals in der Schweiz auftauchten und dann von hiesigen Schreinern «weiterentwickelt» wurden.

Seit 140 Jahren wurde der klassische Davoser Schlitten tausendfach kopiert, überall produziert – nur seit den 1950er-Jahren nicht mehr in Davos. 2015 kam er wieder an seinen Ursprung zurück. «Für uns ist die neue Produktion der Davoser Schlitten nicht nur ein Stück Regionalgeschichte. Der Schlitten ist auch ein Stück Familiengeschichte», sagt Paul Ardüser, Inhaber der traditionsreichen Schreinerei Ardüser in Davos Platz.

Das Original unter den Schlitten

Zwei Kufen, fünf Holzlatten und eine Schnur, um ihn zu ziehen: Der Davoser Schlitten ist seit Generationen einer der meistbenutzten Holzschlitten überhaupt. Über 110'000 Einträge auf der Internet-Suchmaschine Google generiert die Suche nach «Davoser Schlitten». Die Holzkonstruktion macht ihn besonders. Für die nötige Stabilität sorgt ein Zugeisen, das die beiden mit Eisen beschlagenen Holzkufen verbindet. An dieser Eisenstange hängt meistens eine Schnur oder eine Lederleine, an der man den Schlitten durch den Schnee ziehen kann. Und in grossen Lettern ist das Wort «Davos» in eine Holzlatte eingebrannt.

Der Davoser Schlitten ist traditionell aus Eschenholz gefertigt, 80 bis 130 cm lang und wiegt etwa 6,5 Kilo oder mehr. Die Geschichte des berühmten Schlittens begann im 19. Jahrhundert. Schreiner aus Davos «entwickelten» die leichten norwegischen Schlitten weiter. Der Unterschied ist gar nicht so gross und liegt in der Bauweise. Beim Davoser sind die Latten auf die Tragjoche aufgeschraubt und ragen hinten frei heraus.

Seinen Namen bekam der Schlitten am ersten, historischen Schlittenrennen am 12. Februar 1883 in Davos. Damals schon brausten tollkühne Piloten auf Davoser Schlitten die verschneite Hauptstrasse von Davos Wolfgang bis nach Klosters hinunter. Bereits 1872 bauten Engländer in St. Moritz hinter dem Hotel Kulm eine erste künstliche Schlittenbahn.

Zweifel an der oben erwähnten Entstehungsgeschichte des Davoser Schlittens hat der Wagner und Schlittenproduzent Erwin Dreier von 3R AG in Sulgen (Thurgau). «Ich habe da meine Fragezeichen. Der Davoser ist ja die einfachste und logische Art, einen Schlitten her zu stellen: zwei Kufen, zwei Böcke und Latten von oben aufgeschraubt. Ich denke eher, er wurde einfach von den ortsansässigen Wagnern für den Alltag der Leute gebaut.

Dann kamen die ersten Wintertouristen und haben damit Rennen veranstaltet. Der Mythos Davoser Schlitten hat wenig mit den Eigenschaften des Produkts zu tun. Für mich ist er ein Symbol für den Ursprung des Wintersports und dem damit zusammenhängenden Lifestyle.» Der Ostschweizer baut mit seinem 3R-Team über 5'500 Schlitten pro Jahr, davon sehr viele «Davoser».

«Für mich ist der Davoser Schlitten ein Symbol für den Ursprung des Wintersports und dem damit zusammenhängenden Lifestyle», sagt Erwin Dreier, Schlittenbauer und Inhaber 3R AG, Sulgen TG.

Wer darf sie bauen?

Wer darf sie lizenzrechtlich bauen? Alle und ein Jeder. Es ist historisch leider so, dass der Davoser nie geschützt war. Das wurde vor Jahren verpasst und somit kann auf der ganzen Welt der Typ Davoser Schlitten gebaut werden. Die Käufer im Sportgeschäft oder im Online-Handel sollten wissen, dass es auch nachgemachte, ausländische Davoser gibt, denn Markenname und Bauweise sind nicht geschützt. Bei genauen Hinsehen erkennt man den Unterschied: Die Schlitten von Erwin Dreier beispielsweise haben neben dem Namen noch die Armbrust mit dem Markenlabel «Swiss made» eingebrannt, die Kopien nur den Schriftzug «Davos».

Davoser Schlitten

Der Davoser Schlitten ist traditionell aus Eschenholz gefertigt, 80 bis 130 cm lang und wiegt etwa 6,5 Kilo oder mehr. Die Geschichte des berühmten Schlittens begann im 19. Jahrhundert._  (Foto: © Urs Oskar Keller/Pro Litteris, 2024)_

Das hart umkämpfte Schlittengeschäft ist nichts für Sonntagsfahrer. Osteuropäische Werke und deutsche Hersteller sind mit Dumpingpreisen auf dem Markt. Nicht aus Davos, sondern aus Tschechien kommen die Davoser-Schlitten der Detailhandelskette Landi Schweiz AG zum Preis von 57.95 Franken (100 cm lang). Den «Original Davoser Classic» bietet 3R in Sulgen bereits ab 229 Franken an, ein einzel angefertigter Davoser kostet im Shop der Schreinerei Ardüser in Davos Platz 695 Franken.

Im Museum ausgestellt

Davos ist die Wiege des internationalen Schlittensportes. «Unser Davoser Schlitten, der in alle Welt verbreitet und oft kopiert wurde, hat sich in Davos zum Naturbahnschlitten entwickelt», erzählt Paula Ammann, ehemalige Mitbetreuerin des Wintersportmuseums in Davos Platz. Zehn historische Schlitten von 1850 bis 2015 sind in der Sammlung zu sehen. Darunter befinden sich kleine Schlitten von Bauernkindern oder ein Schlitten mit zwei 50 Zentimeter langen Stöcken zur Beschleunigung. Das älteste Modell ist ein mit Sitzpolster ausgestattete Heinz Friberg-Schlitten.

Seine Herstellung lässt sich bis 1865 zurückverfolgen. 1888 tüftelte der Skipionier Tobias Branger an einem Schlitten aus Eschenholz mit zwei Eisenbeschlägen als Kufen. Er nannte ihn «Davoser Sportschlitten». 1910 wurde der Hartkopf-Schlitten mit nach innen gebogenen Holmen entwickelt.

Und dass der Schlitten immer noch sehr beliebt ist, bestätigt auch Touristiker und Mediensprecher Samuel Rosenast von der Destination Davos Klosters. «Schlitteln ist eine sehr gute Alternative zum Skifahren, Snowboarden, zu Langlauf und Eishockey. Praktisch in jedem Davoser Keller steht ein Schlitten.

Wir haben auch einen aktiven internationalen Schlittelclub in Davos», so Rosenast. Und was sagt man in Davos zu dieser ständigen Gratis-Werbung? Rosenast: «Ein Davoser Schlitten steht für Qualität und Tradition, zwei Attribute, welche bestens zu unserer Destination passen.»

Schlittelbahnen in Graubünden – eine kleine Auswahl

Die Region Davos Klosters ist die Wiege des internationalen Schlittensports. 1883 wurde in Davos das erste offizielle Schlittelrennen durchgeführt. Und der berühmte Davoser Schlitten ist das Original unter den Schlitten. Heute bereiten in der Region Davos Klosters acht Schlittelbahnen Spass und Abwechslung.

Brambrüesch: Der gut präparierte Schlittelweg liegt nur 15 Minuten vom Churer Stadtzentrum entfernt.

Fideriser Heuberge: Der längste Schlittelweg der Schweiz mit 11 km (1100 m Höhendifferenz).

Madrisa, Klosters: Die Schlittelbahn von Madrisa nach Saas verspricht auf 8,5 km Schneesportspass für die ganze Familie.

Muottas Muragl: Mit 20 anspruchsvollen Kurven ist diese Bahn für erfahrene Schlittler geeignet.

Preda-Bergün: Die erste beleuchtete Schlittelbahn der Schweiz führt von Preda nach Bergün. Sie erstreckt sich auf 6 km und ist somit die längste beleuchtete Schlittelbahn Europas.

Rinerhorn Davos: Zusätzlich jeden Mittwoch und Freitag Nachtschlitteln 19.00 bis 23.00 Uhr.

Schatzalp – Davos Platz: 2,8 km Länge. Bis 23 Uhr ist diese Piste geöffnet – und somit ideal für Nachtschwärmer. (uok)

Im Hauptbild: Für eine gute Schussfahrt ins Weisse: Der Davoser Schlitten. (Foto: © Urs Oskar Keller/Pro Litteris, 2024)

Davos 3

Der Davoser Schlitten – das Schlitten-Urmodell: Die Masse des Klassikers: Dampfgebogenes Schweizer Eschenholz. Laufschienen und Beschläge aus Stahl. Länge 100 Zentimeter, Breite 33 cm, Höhe 29,5 cm. Sitzfläche L 74 x B 26,5 cm, Sitzhöhe 23,5 cm. Gewicht so 6,1 Kilogramm. Belastungsgewicht max. 200 kg. Das ist der Davoser Schlitten von 3R AG. Foto: © Urs Oskar Keller/Pro Litteris, 2024)

Einige Highlights

Uzwilerin mit begrenzter Lebenserwartung

Das Schicksal von Beatrice Weiss: «Ohne Selbstschutz kann die Menschheit richtig grässlich sein»

am 11. Mär 2024
Im Gespräch mit Martina Hingis

«…und das als Frau. Und man verdient auch noch Geld damit»

am 19. Jun 2022
Das grosse Gespräch

Bauernpräsident Ritter: «Es gibt sicher auch schöne Journalisten»

am 15. Jun 2024
Eine Analyse zur aktuellen Lage

Die Schweiz am Abgrund? Wie steigende Fixkosten das Haushaltbudget durcheinanderwirbeln

am 04. Apr 2024
DG: DG: Politik

«Die» Wirtschaft gibt es nicht

am 03. Sep 2024
Gastkommentar

Kein Asyl- und Bleiberecht für Kriminelle: Null-Toleranz-Strategie zur Sicherheit der Schweiz

am 18. Jul 2024
Gastkommentar

Falsche Berechnungen zu den AHV-Finanzen: Soll die Abstimmung zum Frauenrentenalter wiederholt werden?

am 15. Aug 2024
Gastkommentar

Grenze schützen – illegale Migration verhindern

am 17. Jul 2024
Sensibilisierung ja, aber…

Nach Entführungsversuchen in der Ostschweiz: Wie Facebook und Eltern die Polizeiarbeit erschweren können

am 05. Jul 2024
Pitbull vs. Malteser

Nach dem tödlichen Übergriff auf einen Pitbull in St.Gallen: Welche Folgen hat die Selbstjustiz?

am 26. Jun 2024
Politik mit Tarnkappe

Sie wollen die angebliche Unterwanderung der Gesellschaft in der Ostschweiz verhindern

am 24. Jun 2024
Paralympische Spiele in Paris Ende August

Para-Rollstuhlfahrerin Catherine Debrunner sagt: «Für ein reiches Land hinkt die Schweiz in vielen Bereichen noch weit hinterher»

am 24. Jun 2024
Politik extrem

Paradox: Mit Gewaltrhetorik für eine humanere Gesellschaft

am 10. Jun 2024
Das grosse Bundesratsinterview zur Schuldenbremse

«Rechtswidrig und teuer»: Bundesrätin Karin Keller-Sutter warnt Parlament vor Verfassungsbruch

am 27. Mai 2024
Eindrucksvolle Ausbildung

Der Gossauer Nicola Damann würde als Gardist für den Papst sein Leben riskieren: «Unser Heiliger Vater schätzt unsere Arbeit sehr»

am 24. Mai 2024
Zahlen am Beispiel Thurgau

Asylchaos im Durchschnittskanton

am 29. Apr 2024
Interview mit dem St.Galler SP-Regierungsrat

Fredy Fässler: «Ja, ich trage einige Geheimnisse mit mir herum»

am 01. Mai 2024
Nach frühem Rücktritt: Wird man zur «lame duck»?

Exklusivinterview mit Regierungsrat Kölliker: «Der Krebs hat mir aufgezeigt, dass die Situation nicht gesund ist»

am 29. Feb 2024
Die Säntis-Vermarktung

Jakob Gülünay: Weshalb die Ostschweiz mehr zusammenarbeiten sollte und ob dereinst Massen von Chinesen auf dem Säntis sind

am 20. Apr 2024
Neues Buch «Nichts gegen eine Million»

Die Ostschweizerin ist einem perfiden Online-Betrug zum Opfer gefallen – und verlor dabei fast eine Million Franken

am 08. Apr 2024
Gastkommentar

Weltweite Zunahme der Christenverfolgung

am 29. Mär 2024
Aktionswoche bis 17. März

Michel Sutter war abhängig und kriminell: «Ich wollte ein netter Einbrecher sein und klaute nie aus Privathäusern»

am 12. Mär 2024
Teuerung und Armut

Familienvater in Geldnot: «Wir können einige Tage fasten, doch die Angst vor offenen Rechnungen ist am schlimmsten»

am 24. Feb 2024
Naomi Eigenmann

Sexueller Missbrauch: Wie diese Rheintalerin ihr Erlebtes verarbeitet und anderen Opfern helfen will

am 02. Dez 2023
Best of 2023 | Meine Person des Jahres

Die heilige Franziska?

am 26. Dez 2023
Treffen mit Publizist Konrad Hummler

«Das Verschwinden des ‘Nebelspalters’ wäre für einige Journalisten das Schönste, was passieren könnte»

am 14. Sep 2023
Neurofeedback-Therapeutin Anja Hussong

«Eine Hirnhälfte in den Händen zu halten, ist ein sehr besonderes Gefühl»

am 03. Nov 2023
Die 20-jährige Alina Granwehr

Die Spitze im Visier - Wird diese Tennisspielerin dereinst so erfolgreich wie Martina Hingis?

am 05. Okt 2023
Podcast mit Stephanie Stadelmann

«Es ging lange, bis ich das Lachen wieder gefunden habe»

am 22. Dez 2022
Playboy-Model Salomé Lüthy

«Mein Freund steht zu 100% hinter mir»

am 09. Nov 2022
Neue Formen des Zusammenlebens

Architektin Regula Geisser: «Der Mensch wäre eigentlich für Mehrfamilienhäuser geschaffen»

am 01. Jan 2024
Podcast mit Marco Schwinger

Der Kampf zurück ins Leben

am 14. Nov 2022
Hanspeter Krüsi im Podcast

«In meinem Beruf gibt es leider nicht viele freudige Ereignisse»

am 12. Okt 2022
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Urs Oskar Keller

Urs Oskar Keller (*1955) ist Journalist und Fotoreporter. Er lebt in Landschlacht.

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.