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Persönliche Erinnerungen

50 Jahre St.Galler Singschule: Die ungeschminkte Wahrheit einer Ehemaligen

Begonnen hat alles 1973 in der Stube von Annemarie und Alfred Brassel. Nun wird die St.Galler Singschule 50 Jahre alt. Was einer Ehemaligen dazu einfällt.

Odilia Hiller am 20. Oktober 2023
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Wie alt man eigentlich ist, merkt man, wenn man als Journalistin schon über das 25-jährige Jubiläum einer Institution schrieb, die nun 50 Jahre alt wird. Und dazwischen den Nachruf auf den Mitgründer zu verfassen hatte. Die Rede ist von der St.Galler Singschule, die ab morgen Samstag das 50-jährige Bestehen mit der Uraufführung der Auftragskomposition «Auf der Haut» feiert, einem textilen Chorwerk, extra für den Anlass erdacht, komponiert und einstudiert.

Als ich zur Welt kam, war die Singschule drei Jahre alt. Viel wurde schon geschrieben, zum Beispiel im letzten «Saiten», über die ersten Gehversuche des Ehepaars Annemarie und Alfred Brassel als Singpädagogen in ihrem Wohnzimmer.

Bei Eintritt in die Singschule, den meine Eltern als Freunde einer ganzheitlichen Bildung sehr befürworteten, war ich acht Jahre alt. Man schrieb die Achtzigerjahre, und im Osten der Stadt St.Gallen gehörte es zum guten Ton, in die Singschule zu gehen und nicht «nur» Blockflöte zu spielen.

Spektakulär viel gelernt

Was ich rückblickend in diesen frühen Jahren dank liebevollen Singlehrerinnen wie Käthi Germann über Musik, Töne, meine Stimme, meine Tonvorstellung und – auf spielerische, selbstverständliche Weise – auch über Musiktheorie lernte, ist einfach nur spektakulär. Und wird meiner Meinung nach bisher zu wenig hervorgehoben.

Anders gesagt: Es gab in den 1980er-Jahren eine Generation von St.Galler Kindern, die in den Genuss einer musikalischen Grundausbildung kamen, die ihresgleichen sucht. Alle, die dabei sein durften, wissen, wovon ich rede. Hier ging es um weit mehr als das eher geschriene denn gesungene Herunterleiern der immergleichen «Kumbayas» und sonstigen (Pfadi-)Lagersongs à la «My Bonnie Lies Over the Ocean» oder «Im Frühtau zu Berge». Lieder, die unsere Primarlehrer, Pfarrer und sonstigen Lagerleiter gern von uns hörten. Gepflegt wurde ein sorgfältig ausgewähltes, altersgerechtes und kostbares Liedgut, das heute nur noch den Allerwenigsten bekannt ist.

Unvergessliche Aufführungen

Etwa zehn Jahre alt war ich, als wir in der Laurenzenkirche eine «Arche Noah» als Singspiel aufführten. Für ein Kind ein unvergessliches Erlebnis. Später folgte die Einstudierung anspruchsvollerer Chorwerke mit einem weiteren persönlichen Höhepunkt: die Aufführung von Händels «Messias» in den Neunzigern.

Worauf ich hinauswill: Der Qualitätsanspruch, der in der Singschule an das Singen als Handwerk und Kunst gestellt wird, sucht seinesgleichen – und das ohne jeden Drill, ohne Konkurrenzdenken, einzig mit liebevoller Sorgfalt und persönlichem Einsatz der Leitenden. Für mich wurde die stille Leidenschaft und Hingabe an die Musik von Alfred Brassel am eindrücklichsten vorgelebt. Frei von jeder Eitelkeit und mit Engelsgeduld arbeitete er mit uns Teenagern jede Woche an Tönen, Melodien, Liedern und Werken.

Was haben wir gelacht

Keines meiner ehemaligen Singschulgspänli wird mir verzeihen, wenn ich hier die legendären Singlager unerwähnt lasse, meist in den Herbstferien und immer in der «Waldegg» in Baselland. Nur so viel: Was haben wir gelacht. Was haben wir gearbeitet. Unbeschwerte, intensive Tage, aus denen wir immer erfüllt und ausgeglichen nach Hause kamen.

Meine persönliche Laufbahn als Singschülerin endete nach ungefähr zehn Jahren, als ich mich vor der Matura auf mein Musikinstrument und die Schule (und Freundinnen, und Freund, und Ausgang) konzentrieren wollte. Und ganz ehrlich: Manchmal war mir der Groove mittlerweile auch etwas zu handglismet, zu gspürschmi-hebschmi. Da waren einfach zu viele Leute aus dem «Semi», auch wenn man das weder damals noch heute laut sagen sollte (und hier ein Zwinker-Emoji hingehörte).

Einsatz, Identifikation und Tatkraft

Dass die Singschule heute ganz und gar nicht handglismet weiterlebt, ist einem harten Kern junger und mittlerweile auch nicht mehr so junger Leute

zu verdanken. Stellvertretend für viele seien Barbara Nef und Felix Stadler vom Co-Präsidium genannt. Von 2008 bis 2013 durfte ich dem Verein selbst als Präsidentin vorstehen und sah, was Einsatz, Identifikation und Tatkraft heissen: Hätte es nicht immer wieder ganze Familien und Einzelne gegeben, die ihre Freizeit über weite Strecken der Singschule widmen, wäre sie heute nicht 50 Jahre alt.

Bernhard Bichler als Leiter des Konzertchors und der Frauenstimmen St.Gallen ist ein charismatischer, ehrgeiziger Chorleiter und Bariton, der mit «seiner» Singschule mehr als einmal haderte, doch irgendwie auch nie davon loskam. Das ist ein grosses Glück, denn morgen Samstag und an den folgenden Konzertterminen wird einmal mehr hör- und erlebbar, wozu die Singschule fähig ist.

Mehr Informationen: www.singschule.ch/jubilaeum

Jubiläumskonzerte

Die Singschule führt zum Jubiläum ein Auftragschorwerk auf: «Auf der Haut» wird von beiden Chören der St.Galler Singschule gesungen, dem Konzertchor St.Gallen und den Frauenstimmen St.Gallen, und von einem Musikensemble begleitet.

«Auf der Haut» erzählt Geschichten vom Herstellen von Textilien, vom Handel mit ihnen und vom Tragen der Kleider. Das Stück handelt unter anderem von der prekären Situation der Stickerfamilien in der Ostschweiz, der Erfindung der Blue Jeans oder von Socken, die im Konzentrationslager Ravensbrück von Insassinnen absichtlich falsch gestrickt wurden - als Akt des Widerstands. Aber auch aktuelle Probleme, wie zum Beispiel die unmenschlichen Verhältnisse in der Bekleidungsindustrie sowie die Verlierer und Gewinner dieser Branche, werden thematisiert. «Auf der Haut» ist eine Auftragskomposition der Komponist:innen Janos Mijnssen, Xenia Wiener und Moritz Widrig mit Texten von Laura Vogt.

Aufführungsdaten

• Samstag, 21. Oktober 2023, 20.00 Uhr, Lokremise St. Gallen

• Sonntag, 22. Oktober 2023, 18.00 Uhr, Tonhalle Wil

• Freitag, 27. Oktober 2023, 20.00 Uhr, Kirche Linsebühl St. Gallen

• Samstag, 28. Oktober 2023, 20.00 Uhr, Textilfirma AG Cilander Herisau

• Sonntag, 29. Oktober 2023, 18.00 Uhr, Areal Stadtufer Lichtensteig

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Tickets sind hier erhältlich

(Bilder: PD)

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Autor/in
Odilia Hiller

Odilia Hiller aus St.Gallen war von August 2023 bis Juli 2024 Co-Chefredaktorin von «Die Ostschweiz». Frühere berufliche Stationen: St.Galler Tagblatt, NZZ, Universität St.Gallen.

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