Die FDP-Kandidatin Susanne Vincenz-Stauffacher konnte bei der Ständeratswahl den Favoriten Beni Würth (CVP) in keinem Wahlkreis überflügeln. Aber die Achillesferse der Abtwilerin liegt ganz klar ennet dem Ricken. Allein dort verlor sie über 6300 Stimmen auf den Lokalmatador.
Im weitverzweigten Kanton St.Gallen flächendeckend punkten: Das ist eine schwierige Aufgabe. Beni Würth hatte dabei die besten Karten: Er ist Mörschwiler, wohnt heute in Rapperswil-Jona und ist als Regierungsrat auch in anderen Wahlkreisen immer mal wieder präsent. Einfach gesagt: Man kennt ihn ziemlich überall, zumindest seinen Namen.
Susanne Vincenz-Stauffacher ist eine «Agglomerations-Figur». Sie wohnt in Abtwil in der Gemeinde Gaiserwald, und ihr gesellschaftliches Engagement hat sich auch meist auf die Region rund um die Stadt konzentriert. Einfach gesagt: Man kennt sie in gewissen Gegen des Kantons nicht oder kaum.
Deutlich wird das am Resultat im Wahlkreis See-Gaster. Dort holte Würth mit Heimvorteil 8247 Stimmen, Vincenz-Stauffacher kam auf bescheidene 1907. Sogar der SVP-Kandidat Mike Egger überflügelte die FDP-Frau dort mit 1960 Stimmen knapp.
6340 Stimmen legte Beni Würth also allein im eigenen Wahlkreis gegenüber der nächsten Verfolgerin vor. Und weil er gleichzeitig sogar im Wahlkreis von Vincenz-Stauffacher, in St.Gallen, die Nase vorne hatte mit 9545 zu 8017 Stimmen, wiegt dieser enorme Vorsprung noch mehr.
Die Bilanz: Über 12'000 Stimmen beträgt Würths Gesamtvorsprung auf die Rechtsanwältin, aber mehr als die Hälfte davon stammt aus See-Gaster. Überall sonst verlor sie zwar Stimmen auf Würth, aber mal waren es 800 (Wil), mal 400 (Toggenburg), mal 1700 (Rorschach), mal 150 (Werdenberg). In der Summe sind das auch einige tausend - aber das wirkliche Waterloo der Kandidatin liegt im Linthgebiet.
Die Frage ist nun: Wäre es möglich gewesen, dort mehr für die FDP-Kandidatin herauszuholen, beispielsweise mit einer verstärkten Präsenz?
Die Antwort: Kaum. Es blieb nach dem Jahreswechsel nicht viel Zeit für den Wahlkampf, die meisten Kandidaten haben geografische Schwerpunkte gebildet. Natürlich hingen auch die FDP-Plakate auf dem ganzen Kantonsgebiet, natürlich gab es die eine oder andere Präsenz in fast allen Gegenden. Aber für eine geballte Offensive in See-Gaster blieben kaum Kräfte, und sie hätten wohl auch nicht viel am Resultat geändert. Immerhin war Beni Würth einst Stadtpräsident von Rapperswil-Jona.
Für den zweiten Wahlgang könnte eine Überlegung der FDP sein, das Pferd zu wechseln. Beziehungsweise: Es müsste sie wohl sogar sein. Und das, obwohl Vincenz-Stauffacher ein anständiges Resultat gemacht hat. Es ist nicht elegant, eine Kandidatin auszutauschen, die beherzt gekämpft und durchaus gut abgeschnitten hat. Nur: An der Ausgangslage ändert sich bis zum 19. Mai nichts, und die Kantonsrätin wird nicht plötzlich die Leuchtfigur von See-Gaster sein.
Will man den Sitz halten, führt nichts daran vorbei, auf eine kantonsweit bekannte Figur zu setzen, die diesbezüglich nichts mehr aufzuholen hat. Lange suchen muss man da nicht, es bleibt eigentlich nur Nationalrat Marcel Dobler. Auch er stammt aus dem Linthgebiet, könnte Würths Vorsprung dort also ein Stück weit neutralisieren.
Zu rechnen ist aber nicht mit diesem Schritt. Neben strategischen Überlegungen gibt es stets auch die menschliche Komponente. Susanne Vincenz-Stauffacher hat nichts falsch gemacht in diesem Wahlkampf, deshalb wird man ihr wohl auch die Chance auf einen zweiten Durchgang geben.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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