(Bild: dieostschweiz.ch)
Eines kann man dem Kanton Appenzell Ausserrhoden sicher nicht vorwerfen, dass der Wahlkampf langweilig war. Und so waren denn auch Vorwürfe das zentrale Thema der Nationalratskandidatur 2023. Jener, der am meisten davon einstecken musste, wurde gewählt.
Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Mal lag David Zuberbühler vorn, mal Matthias Tischhauser, und beide starrten gespannt oder wohl eher angespannt auf die Leinwand im Regierungsgebäude in Herisau. Nur Claudia Frischknecht blieb gelassen: «Ich habe heute nichts zu verlieren, denn ich bin mir selbst treu geblieben in diesem Wahlkampf und habe viel an Erfahrung gewonnen». Dann war nur noch eine Gemeinde ausstehend, und zwar die einwohnerstärkste Gemeinde des Kantons Appenzell Ausserrhoden: Herisau. Zu dieser Zeit lag David Zuberbühler vorn und es lag auf der Hand, dass der Herisauer hier nochmals zulegen würde. Kurze Zeit später zeigten die Stimmentürme ein klares Resultat: 8'502 für David Zuberbühler (SVP), 6'373 für Matthias Tischhauser (FDP) und 2'836 für Claudia Frischknecht (Die Mitte). «Zubi» konnte seine Tränen nicht zurückhalten und fiel seiner Frau erleichtert in die Arme. Matthias Tischhauser bewahrte Contenance, doch sein gewohntes Lächeln schien eingefroren zu sein. Claudia Frischknecht blieb sich auch in dieser Situation treu: Sie gratulierte David Zuberbühler zum Sieg und dankte ihrem Team für den Einsatz.
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«Giftige Stimmung statt Debatte»
Die Szenen des Wahlsonntags könnten den Wahlkampf nicht besser widerspiegeln. Immer wieder wetterte Matthias Tischhauser gegen David Zuberbühler, er habe nichts für den Kanton AR bewirken können in den letzten acht Jahren, sein Leistungsnachweis sei mehr als schwach und überhaupt müsse er weg. Tischhauser lieferte den Medien ordentlich Futter für Schlagzeilen: «Giftiges Duell um Ausserrhoder Nationalratssitz», «Vorwürfe im Wahlkampf», «Schlappe für Zuberbühler». Auch im Volk erhitzten sich die Gemüter, nach jedem öffentlichen Auftritt ein bisschen mehr, und die Zeitungsseiten füllten sich mit Leserbriefen: «Kritik aus dem Leierkasten», «Frischknecht statt zwei Polteri», «Giftige Stimmung statt Debatte». Zweifelsohne ist Matthias Tischhauser rhetorisch stark und in den meisten Themendossiers sicher unterwegs. Mit Vorwürfen um sich zu werfen, scheint aber strategisch nicht zum Erfolg zu führen. Vielmehr könnte dies sogar kontraproduktiv gewesen sein und David Zuberbühler Sympathieboni zugespielt haben. Er selbst sagte dazu: «Dieser Wahlkampf hat mich und meine Familie sehr gefordert, ich versuchte aber, dem Ganzen stets mit Anstand entgegenzuwirken». Apropos Anstand: Den bewies auch Claudia Frischknecht. Sie hatte keine einfache Position zwischen einem lautstarken, dominanten Männer-Duo. Und immer wieder musste sie sich anhören, der FDP Stimmen zu rauben und so der SVP zum Sieg zu verhelfen. «Wir von der Mitte-Partei haben dieselben Rechte, uns dem Volk zur Wahl zu stellen», sagt Frischknecht heute noch überzeugt. Und Strategie hin oder her: Claudia Frischknecht entzog sich dem politischen Gezeter und konzentrierte sich auf ihre politischen Themen.
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SVP gewinnt, FDP ist enttäuscht, Mitte schaut nach vorn
Im Regierungsgebäude wurde mittlerweile angestossen, diskutiert und natürlich weiterpolitisiert. Vorbei war die aufgeheizte Stimmung, Erlösung machte sich breit. «Ich werde dieses Amt wiederum mit Besonnenheit, Respekt und Engagement angehen», sagte ein glücklicher David Zuberbühler. Die gesamte Anspannung fiel von ihm ab, denn siegessicher war er sich nie, wie er selbst gesteht: «Es war kein leichter Weg und ich hatte mich auf alles eingestellt». Die FDP wird über die Bücher gehen müssen, das zeigt auch das gesamtschweizerische Ergebnis der Partei. Und Matthias Tischhauser ergänzt: «Natürlich bin ich enttäuscht über das Ergebnis, aber nun kann ich mich wieder mit Herzblut im Unternehmen engagieren». Auch die Mitte zeigt sich selbstkritisch: «Wir haben noch viel zu tun, um uns in unserem Kanton stärker zu positionieren», sagt Glen Aggeler, Gemeinde- und Kantonsrat. Das sieht Claudia Frischknecht als Präsidentin der Mitte AR genauso. Den Wahlkampf schliesst sie jedoch mit einem positiven Fazit ab: «Ich konnte mein Netzwerk mit spannenden Leuten erweitern und viele wertvolle Erfahrungen sammeln, die mein Selbstbewusstsein stärkten. Von daher ist es für mich ein Gewinn auf ganzer Linie.»
Nathalie Schoch ist freischaffende Journalistin und Mitinhaberin von Merkur Kommunikation. Sie lebt und arbeitet in Teufen.
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