Die Kandidatur von Marcel Dobler (FDP) für den St.Galler Ständerat ist im Jahr 2019 keine sonderliche Überraschung. Noch vor vier Jahren wäre sie undenkbar gewesen. Doch in dieser Zeit ist viel geschehen. Und nichts davon war reiner Zufall. Eine Annäherung.
Marcel Dobler spricht schnell. Das ist nicht unbedingt typisch für einen Politiker. Diese Spezies legt meist jedes Wort auf die Goldwaage. Man könnte ja etwas Falsches sagen. Diese Angst ist dem St.Galler FDP-Nationalrat fremd. Er ist überzeugt von dem, was er sagt, und er sagt es, ohne sorgfältig abzuschätzen, ob das Gesagte in einem Jahr gegen ihn verwendet werden könnte.
Vielleicht liegt es daran, dass Dobler kein Politiker ist. Er macht natürlich Politik, seit dreieinhalb Jahren auf höchster Ebene im Nationalrat. Aber mit dem Typus des Politikers hat er wenig gemeinsam. Er hat klare Standpunkte, aber nicht, weil sie ihm ideologisch vermittelt wurden, sondern weil er an sie glaubt oder sie am eigenen Leib erfahren hat.
Dennoch - oder deshalb? - macht er erfolgreicher Politik als viele andere im Ratsbetrieb. Er hat eine makellose Bilanz, was persönliche Vorstösse angeht. Vielleicht, weil er an politische Geschäfte herangeht wie an seine Unternehmen: Er macht ein Problem aus, überlegt sich mögliche Ansätze, spricht mit allen Beteiligten, feilt an einer Lösung, stimmt sie mit denen ab, die er an Bord bringt, justiert weiter - und was er vorlegt, ist mehrheitsfähig.
Das klingt banal, üblich ist es keineswegs. Vorstösse werden oft eingesetzt, um einen Standpunkt klar zu machen - indem man die Maximalforderung stellt, verbunden mit Vorwürfen an die andere Seite. Dafür interessiert sich Dobler nicht, dafür ist ihm die Zeit zu schade. Im Gespräch mit ihm merkt man schnell: Vorarbeit leisten, um danach krachend zu scheitern, aber einen Vorstoss mehr im Ratssystem aufgeführt zu haben: Das ist nicht seine Welt.
Als Politiker müsse man sehr viel länger darauf warten, bis sich ein Resultat zeigt als in der Rolle des Unternehmers, sagt Dobler. «Aber wenn es dann greift, ist es umso wirkungsvoller.»
Erwartet hat diese effiziente Art des Politisierens, die auch in Bern zur Kenntnis genommen wird, vor vier Jahren kaum jemand. Selbst in der eigenen Partei, der FDP, waren nicht alle begeistert, als Dobler gewählt wurde. Immerhin war da einer an vielen Parteigrössen vorbei spaziert - und das aus dem politischen Nichts. Wer die Ochsentour aus kommunaler und kantonaler Ämtliarbeit auf sich genommen hatte, war leicht brüskiert darüber. Und schnell hiess es da und dort, Marcel Dobler habe sich das Amt gekauft mit einem teuren Wahlkampf.
Was dabei übersehen wird: Das alte Bonmot, das man mit dem nötigen Kleingeld selbst einen Kartoffelsack zum Bundesrat machen könnte, ist zwar erheiternd, aber falsch. Dobler hat sichtbar einiges investiert in seine Wahl, aber das haben andere auch. Und ohne den unternehmerischen Leistungsausweis aus seinem «Vorleben» wäre es auch bei grossem Mitteleinsatz kaum möglich gewesen, gewählt zu werden.
Anderer Kritiker glaubten, dass Marcel Dobler nach dem Verkauf von Digitec, dem Unternehmen, das er mit zwei Kollegen erfolgreich aufgebaut hatte, nun einfach eine Trophäe in Form eines Nationalratssitzes holen wolle - um sich dann in Bern ein schönes Leben zu machen. Auch sie strafte der Mann aus Kempraten Lügen. Er ist aktiv, und sein Verhältnis aus Aufwand und Resultat in der politischen Arbeit ist ziemlich perfekt.
Dazu kommt viel Instinkt. In diesem Frühjahr war Dobler mit einer «Roadshow» zum Thema Vorsorgeauftrag unterwegs, füllte die Säle quer durch den Kanton und stellte ein kostenloses Onlinetool zur Verfügung, das Interessierten bei der Erstellung eines solchen Auftrags hilft. Das Thema ist brandaktuell, und der FDP-Mann besetzte es gezielt. Selbstverständlich nicht völlig selbstlos, er war sich wohl bewusst, dass ihm das beim Aufbau seiner Politmarke langfristig hilft. Aber es gibt wenig andere Politiker, die es verstehen, ausserhalb des Ratsbetriebs Felder zu besetzen.
Was heisst das alles für die Ständeratswahl? Die Ausgangslage mit zwei Bisherigen ist denkbar schwierig. Dass der langjährige Regierungsrat Benedikt Würth (CVP) nach wenigen Monaten bereits wieder abgewählt wird, ist - auch angesichts seines Resultats - schwer vorstellbar. Und Paul Rechsteiner (SP) hat seinen Rollenwechsel vom angriffigen Gewerkschafter zum staatstragenden Ständerat gut bewältigt.
Schafft Dobler am 20. Oktober im ersten Wahlgang ein sehr gutes Resultat und rotten sich danach die bürgerlichen Parteien hinter ihm zusammen - SVP inklusive - ist er wohl in der Lage, Rechsteiner zu schlagen. Allerdings ist das eine These, welche die Ambitionen - und zum Teil die Verletztheiten - der einzelnen Parteien ausblendet. Politik ist nicht immer vernünftig.
Und deshalb ist Marcel Dobler wohl kein Politiker.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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