Zwölf Jahre nach seinem Debut beendet der St.Galler Skirennfahrer Ralph Weber seine Karriere. Seine emotionale Entscheidung, sein letztes Rennen und seine Zukunftspläne schlüsselt er im Gespräch mit «Die Ostschweiz» auf.
Ralph Weber, Sie haben sich schon längere Zeit Gedanken darüber gemacht, ob und wann Sie zurücktreten. Wann war der Moment, als für Sie alles klar war?
Das war in Wengen im Januar, als ich über die Ziellinie fuhr. Bereits vor der letzten Saison wusste ich: Entweder packe ich es mit dem Fixplatz, oder eben nicht. Dann kam mein Bandscheibenvorfall dazwischen und hat die Entscheidung um ein Jahr verschoben. Im Sommer hatte ich schon mit meinem Trainer geredet, dass ich keinen Europacup mehr fahren möchte. Ich stellte mir quasi selber ein Ultimatum: Entweder klappt es im Weltcup oder nicht. Im Verlauf der Saison musste ich mir eingestehen, dass es nicht reicht. Und in Wengen Anfang Jahr beschloss ich es definitiv. Ich glaube, dass dieser Moment, in dem man für sich selber ausmacht, dass es das nun war, in jeder Karriere zu den emotionalsten Momenten gehört.
Und wie war es in Wegen für Sie, als Sie realisiert haben, dass das nun Ihr letztes Mal war?
Ich habe den Moment versucht, so gut es geht, in mir aufzusaugen. Es war sehr emotional, ich blieb länger im Ziel als sonst, um einfach noch einige Minuten für mich zu haben und das letzte Mal auf der anderen Seite der Bande zu geniessen. Mein Plan war, anschliessend nach Hause zu gehen und die Entscheidung meiner Freundin mitzuteilen. Doch es wurde schliesslich doch sehr emotional. Eigentlich verständlich, weil es immerhin kein «normaler» Jobwechsel ist, sondern sich das ganze Leben ändern wird. Meine Familie hat mich auf meinem Weg immer unterstützt. Der Spitzensport war mein Leben – es ist sicher nicht schön, alles drumherum aufzugeben. Aber der Tag kommt in jeder Karriere. Und 30 ist ein schönes Alter – viele mussten diesen Schritt schon in jüngeren Jahren gehen. Ich bin dankbar für alles, was ich erleben durfte.
Wegen Ihres Bandscheibenvorfalls haben Sie nicht mehr so recht zurückgefunden. Woran merken Sie, dass Sie körperlich nicht mehr so fit sind wie vorher?
Das möchte ich so nicht sagen. Ich bin zum Glück völlig gesund, und auch meinen Rücken spüre ich kein bisschen. Im Sommer hatte ich sehr lange gebraucht, um wieder auf die 100 Prozent zu kommen, bei denen ich vor dem Bandscheibenvorfall war. Es ist schön, wie mein Körper wieder vollständig mitmacht. Auch der Kopf darf im Spitzensport nicht ausser Acht gelassen werden. Das Mentale trägt einen Riesenanteil zum Erfolg bei. Ich habe mich in den vergangenen Jahren selber besser kennengelernt und weiterentwickelt. Der Sport hat mir sehr vieles gegeben.
**Am Samstag hat es nicht für die vorderen Plätze gereicht. Hätten Sie sich etwas anderes für Ihr **«letztes Mal» erhofft?
Natürlich hätte ich mir eine bessere Platzierung gewünscht, aber das war am Ende Nebensache. Es war aber brutal schwierig, sich mit so vielen Emotionen auf das Rennen einzulassen. Bereits beim Start gingen mir so viele Sachen durch den Kopf: Ich wusste, das war das letzte Mal im Starthäuschen, ich höre das letzte Mal den Piepston, habe die Leute da oben zum letzten Mal um mich. Ich musste extrem darauf achten, dass die Emotionen nicht Überhand nehmen. Am Ziel war ich dann einfach erleichtert, dass ich es geschafft habe. Auf den letzten 300 Meter kamen mir schliesslich die Tränen aber doch.
Woran haben Sie gedacht?
Es ist nicht selbstverständlich, dass das letzte Rennen so klappt, wie es bei mir der Fall war. Ich habe mir wie gesagt schon in Wengen Gedanken darüber gemacht, wie ich aufhören möchte. Meine Familie ist extra hergereist, um mich unterstützen zu können. Einige Tage vorher wussten wir nicht, ob das Rennen überhaupt stattfinden kann und ob ich die interne Teamqualifikation schaffe. Als am Freitag die positive Entscheidung gefallen ist, fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen. Alle im Team haben sich gefreut, dass ich die Qualifikation geschafft habe. Am Samstag hat dann einfach sehr vieles zusammengepasst, ich hätte mir kein schöneres 100. Weltcup-Rennen vorstellen können: das Team mit deren Wertschätzung, meine Kinder vor Ort, das Wetter, der Schweizer Sieg – alles hat gestimmt.
Welche Reaktionen haben Sie von Ihrem Umfeld erhalten?
Durchwegs positive. Es war brutal emotional. Ich habe etwa drei bis vier Stunden gebraucht, um die erste Welle der Nachrichten zu beantworten – Kollegen von früher, Athleten, Freunde, Bekannte. Es kommt einem alles wieder hoch, was ich in den vergangenen Jahren erlebt habe, und was mir der Skisport gegeben hat. Das geht im Alltag jeweils leicht vergessen.
Das war so einiges. Im Weltcup haben Sie zwei Top-Ten-Plätze erreicht, im Europacup im Super-G sind Sie 24 Mal aufs Podest gefahren. Welche Erfolge sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Einerseits natürlich der zehnte Platz am Weltcup im Jahr 2020 in Wengen vor Heimpublikum. Damit ging ein Bubentraum für mich in Erfüllung. Wir haben mit der Familie früher bereits viele Rennen am Bildschirm verfolgt. Dass ich später selber mit dabei sein kann, war für mich ein grosser Traum. Ich weiss und wusste schon damals, dass es nur die wenigsten schaffen. Das Wissen, dass ich zu den besten 25 der Welt gehöre, und mir die ganze Schweiz zusieht, war sehr speziell.
Sie sagen es: Der Skirennsport ist extrem hart, es kommen nur die wenigsten an die Spitze. Sie haben sehr viel für Ihre Karriere geopfert. Sind Sie dennoch froh, an diesem Punkt stehen zu dürfen? Oder ist der Preis zu hoch?
Der Preis ist in meinem Fall sicherlich nicht zu hoch - ohne den Sport wäre ich nicht der, der ich heute bin, und ich durfte viele schöne Erfolge feiern und Momente erleben. Es ist einfach wunderschön, so aufhören zu dürfen. Man überlegt sich im Vorfeld sehr lange, wie man seinen Rücktritt haben möchte. Am Weltcup? Oder die ganze Saison weiterfahren? Oder doch besser nach einem guten Resultat? Eine sehr individuelle und intime Entscheidung. Ich bin schon so lange mit meinem Team unterwegs, dass ich es gern hier in Kvitfjell beendet habe. Weil nicht nur Schweizer vertreten sind, sondern eben der ganze Weltcup. Dank meiner Karriere habe ich so viele spannende Leute getroffen, Athleten, Teammitglieder – alles sehr überragende Persönlichkeiten, die ich wohl ansonsten niemals getroffen hätte.
Haben Sie sich im Vorfeld schon Gedanken über «das Leben danach» gemacht? Wie wird es für Sie weitergehen?
Ich weiss es noch nicht genau, ob ich im Sport bleiben möchte oder nicht. Es würde mich sehr reizen, andererseits hat auch die unternehmerische Tätigkeit seinem Reiz. Ich bin zum Glück vielseitig interessiert und lasse mir mit der Entscheidung Zeit. Überstürzen möchte ich nichts. Vielmehr will ich herausfinden, wo ich meine Energie und Leidenschaft einsetzen möchte. Ich mache die Ausbildung zum Athletiktrainer und bilde mich auf den Ski noch weiter aus, damit ich gewappnet bin für das, was kommen könnte.
Viele Spitzensportler sagen, dass die Zeit nach dem Rücktritt herausfordernd ist. Mit welchen Gefühlen sehen Sie den kommenden Monaten entgegen?
Das wird ohne Frage eine herausfordernde Zeit, und da hatten schon sehr viele Mühe. Mein Team war meine zweite Familie. Ich war ständig unterwegs. Es wird sehr schwierig, dass alles aufrechterhalten zu können – nur schon aus geografischer Sicht. Mein ganzer Tagesablauf wird auf den Kopf gestellt. Ich habe es sehr genossen, dass kein Tag dem anderen gleicht. Ich durfte so viele Orte der Welt sehen – das werde ich vermissen. Es ist sicherlich nicht selbstverständlich, dass man etwas machen kann, wo die Leidenschaft ähnlich wie im Sport ist, aber ich bin zuversichtlich und freue mich darauf. Ich bin aber mit meiner Familie gut aufgestellt, um die Herausforderung meistern zu können, und herausfinden, wer ich ohne Spitzensport bin.
Worauf freuen Sie sich besonders?
Auf meine Familie zu Hause. Darauf, was kommt, dass ich mehr Zeit haben werde für Sachen, die ich nun einige Jahre etwas vernachlässigt habe. Aber so realistisch bin ich dann doch: Die ersten drei, vier Wochen geniesse ich die Zeit zu Hause sicher sehr, und dann fängt wohl das Kribbeln an, dass ich gerne wieder loslegen würde. So geht es wahrscheinlich jedem frischen Skirentner; und das ist nicht einfach.
Wenn Sie Ihrem 15-jährigen Ich einen Ratschlag erteilen könnten, welcher wäre das?
Freue dich auf die Zeit, die kommt – mit all den Begegnungen. Gib immer alles und geniesse die Momente und Emotionen voll und ganz, weil sie einzigartig sind und das Leben ausmachen! Sie sind das, an was du dich zurückerinnern wirst und so schnell sie kommen, so schnell verflüchtigen sie sich auch wieder.
(Bilder: PD)
Manuela Bruhin (*1984) ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».
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