Vier Kandidaturen, ein Sitz: Am 10. März entscheiden die St.Gallerinnen und St.Galler über die Nachfolge von Karin Keller-Sutter im Ständerat - wobei ein zweiter Wahlganz sehr wahrscheinlich ist. Wir beurteilen die Erfolgschancen der Kandidaten.
Das absolute Mehr - also über 50 Prozent der Stimmen - muss jemand auf sich vereinen, um am 10. März direkt in den Ständerat gewählt zu werden. Das ist bei vier Antretenden eine sehr hohe Hürde. Deshalb ist mit einem zweiten Wahlgang zu rechnen, und bei diesem dürfte der eine oder andere nicht mehr antreten. Aber abseits davon: Wie sind die heutigen Wahlchancen in Prozenten ausgedrückt zu beurteilen? Hier unsere Prognose.
Benedikt Würth (CVP): 45 Prozent
Der St.Galler Regierungsrat hat in seiner langen politischen Karriere kaum etwas falsch gemacht. Er ist die Fleisch gewordene Mitte: Keine Maximalforderungen, keine harten Worte, keine überraschenden Entscheidungen. Würth ist das Sinnbild für politische Verlässlichkeit. Gerade an der Seite von Paul Rechsteiner (SP) wünschen sich die St.Gallerinnen und St.Galler wohl einen solchen «Felsen», bei dem man weiss, was einen erwartet. Er ist auch im nun verdichteten Kandidatenfeld der Favorit. Zumal die CVP bei einer Art Betriebsunfall ihren Sitz im Ständerat verloren hat, früher dort aber stets vertreten war.
Mike Egger (SVP): 30 Prozent
Es ist kein Zufall, dass unsere Schätzung der prozentualen Wahlchancen ziemlich deckungsgleich ist mit dem Wähleranteil der SVP. Egger wird seine eigene Partei mobilisieren und weiss wohl darüber hinaus wohl auch Teile des Rheintals hinter sich, einer Region mit einem ausgeprägten Heimatstolz. Aber mit seinen Positionen ist er für unentschlossene bürgerliche Wähler abseits der SVP vermutlich zu hart. Was Egger jedoch kann: Einen Wahlkampf führen. Man wird ihn bis kurz vor Torschluss an jeder «Hundsverlochete» antreffen, und er wird bereit sein, Überzeugungsarbeit zu leisten.
Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP): 20 Prozent
Als FDP-Parteipräsidentin wollten die Delegierten die Rechtsanwältin aus Abtwil nicht, in die Ständeratsschlacht hingegen schicken sie sie. Vincenz-Stauffacher ist eine solide Kandidatin, wenn man ihr berufliches Rüstzeug und ihr öffentliches Engagement betrachtet. Ein Überflieger ist sie aber nicht. Und rund zwei Monate vor dem Wahlgang hat sie über ihre Kernregion St.Gallen hinaus so viel an Bekanntheit aufzuholen, dass sie geografische Schwerpunkte bilden muss - alles ist nicht zu schaffen. Von ihrer Art her kann sie sich nicht als «neue Karin Keller-Sutter» verkaufen, und weil sie erst seit kurzem im Kantonsrat sitzt, ist auch von ihren politischen Positionen wenig bekannt. Es bleibt die Karte der Frau: Sie ist die einzige Kandidatin.
Patrick Ziltener (Grüne): 5 Prozent
Unsere pessimistische Prognose hat nichts mit dem Kandidaten zu tun. Ziltener ist blitzgescheit, beruflich erfolgreich, und er lebt, was er fordert. Diese Glaubwürdigkeit weisen längst nicht alle Politiker auf. Nur ist der St.Galler bisher gegen aussen kaum in Erscheinung getreten, und er verbreitet eine professorale Aura, die bei breiten Teilen der Stimmbevölkerung vermutlich nicht besonders gut ankommt. Darin liegt eine gewisse Ironie, denn das Amt ist ihm ohne Frage zuzutrauen. An der Urne entscheiden aber selten rationale Argumente. Und es ist kaum anzunehmen, dass sich eine Mehrheit im Kanton St.Gallen eine rot-grüne Doppelvertretung wünscht.
Übrigens: Theoretisch sind weitere Kandidaturen denkbar. Sollte es zu einer kommen, wäre es aber vermutlich wohl eine der Kategorie «Exotisch». Tierschützer, Hardcore-Christen oder Homöopathie-Anhänger: Es gibt viele Philosophien, die dazu anregen, sich in eine Majorzwahl zu werfen. Es kostet nicht viel (wenn man keinen teuren Wahlkampf betreibt), bringt aber Publizität für die eigene Sache.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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