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Gastkommentar

Katzentötungen in der Ostschweiz – mit dem Segen der Politik

Das Katzenelend wächst und wächst. Mit Katze Romina aus dem Zürcherischen Rafz verzeichnete die Tierschutzorganisation NetAP im Juli 2024 die viertelmillionste Kastration weltweit seit der Gründung. 

Esther Geisser am 10. August 2024

Leid verhindern, bevor es entsteht, ist der Leitsatz der Schweizer Tierschutzorganisation NetAP. Um dieses Ziel zu erreichen, setzt die Organisation vor allem auf umfassende Kastrationsprogramme in der Schweiz und im Ausland. Während das Hunde- und Katzenleid in den Ländern Ost- und Südeuropas zum Alltag gehören, ist das Elend der Katzen in der Schweiz zwar nicht im gleichen Mass sichtbar, deswegen aber nicht weniger gross.

Bundesbern hat das Problem des Katzenelends in der Schweiz längst erkannt. Allein, es fehlt der Wille, etwas daran zu ändern. Man verlässt sich darauf, dass nicht staatliche Organisationen wie NetAP dafür sorgen, dass das Tierleid nicht komplett ausartet. Damit schützt es einzig die gleichgültigen Verursacher des Problems.

Etwa 1.9 Millionen Katzen leben heute in Schweizer Haushalten. Tendenz steigend. Eigentlich müssten es viel mehr Tiere sein. Katzen sind sehr fruchtbar und vermehren sich entsprechend rasant. Aus einem einzigen Katzenpaar können innert 10 Jahren theoretisch 80 Millionen Katzen entstehen. Mangels einer staatlichen Kastrationspflicht wird sowohl in Privathaushalten als auch auf Höfen laufend vermehrt.

Doch viele dieser Katzenkinder werden kaum älter als ein paar Tage. Tötungen sind auch in der Schweiz an der Tagesordnung. Erschlagen, ertränken, erschiessen, vergiften, ersticken oder verhungern lassen sind dafür gängige Methoden. Neuste Hochrechnungen gehen von 200'000 getöteten Kätzchen pro Jahr aus. Eine Schande für ein Land, das sich stets für sein angeblich gutes Tierschutzgesetz lobt.

Die Katzenhaltung boomt in der Schweiz. Ein Grossteil der Halter macht sich aber kaum Gedanken über die Bedürfnisse dieser Tiere. An jeder Ecke bekommt man herzigen Katzennachwuchs und den damit verbundenen kurzzeitigen Jö-Effekt kostenlos oder für wenig Geld. Passt das Tierchen dann nicht mehr in die aktuelle Lebensplanung, macht es zu viel Dreck oder verursacht plötzlich Mehr- oder unerwartete Kosten, wird es behandelt, wie man mit «Billigware» umgeht: Es wird entsorgt.

Aussetzen ist wieder hoch im Trend, insbesondere in den Sommermonaten, wenn die Ferien vor der Türe stehen und ein Cat-Sitter nicht verfügbar oder zu teuer ist. Da die Tierheime längst das ganze Jahr übervoll sind und/oder für die Abgabe eines Tiers eine – in den Augen der Tierhalter – «Entsorgungsgebühr» verlangen, kommen der Bauernhof, Schrebergarten oder der Wald doch sehr gelegen. Irgendjemand wird dem Tier dann schon Futter hinstellen oder die Natur «regelt» es.

Paradoxerweise werden Tierschutzorganisationen und seriös arbeitende Tierheime beschimpft, weil sie nicht jedem ungeprüft ein Kätzchen aushändigen wollen. Dabei könnten aktuell zum Beispiel rote Weibchen hundertfach vermittelt werden.

Tierärzte und insbesondere Notfallkliniken stellen immer häufiger fest, dass die Halter kein Geld für ihre Tiere ausgeben wollen oder können. Zwar erscheinen sie immerhin noch in der Praxis mit dem Patienten, halten aber insbesondere bei grösseren Problemen schon zu Beginn fest, dass sie nicht bereit oder in der Lage sind, die Kosten zu tragen. Allzu oft endet die Tragödie mit der Euthanasie oder einer Verzichtserklärung.

Katzenbaby

Die Haltung von Katzen wird leider viel zu oft unterschätzt, sowohl in Bezug auf die Bedürfnisse der Tiere als auch der zeitlichen und finanziellen Beanspruchung. Wir bekommen wöchentlich mehrere Anfragen von privaten Tierhaltern, ob wir ihre Tierarztrechnungen oder die Tiere übernehmen würden. Unser Fokus liegt aber woanders und wir haben schon genug zu tun mit den herrenlosen und verwilderten Katzen und deren Kastrationen und Pflege.

Kastrieren bildet den Schwerpunkt bei NetAP. Kastrationen sind das einzige Mittel, die Überpopulation nachhaltig zu stoppen. Mit einer Viertelmillion Kastrationen in den verschiedenen Einsatzländern konnte sehr viel Leid verhindert werden. Doch ein Ende ist nicht in Sicht. Die Schweiz könnte und sollte deshalb eine Vorbildrolle übernehmen. Die Katze müssen wieder einen Wert bekommen!

Dann würde man den Tieren auch wieder Sorge tragen und sich nicht ihrer entledigen wollen, sobald sie Aufwand oder Kosten verursachen. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, dass Bundesbern irgendwann den Kopf aus dem Sand zieht und sich endlich seiner Verantwortung bewusst wird. Damit die alte Mär vom besten Tierschutzgesetz der Welt vielleicht doch noch eines Tages zur Wirklichkeit wird.

Der Hof in Rafz erfreut sich inzwischen eines durchkastrierten, gesunden Katzenbestandes. Romina und ihre Artgenossen, die alle eines Tages aus dem Nichts aufgetaucht sind, haben das Glück, dass sie auf verständnisvolle Landwirte stiessen und bleiben dürfen. Die Hoffnung bleibt, dass sich nicht weitere unkastrierte Katzen ansiedeln werden.

Katzenbaby

Bilder: pd

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Autor/in
Esther Geisser

Esther Geisser hat Rechtswissenschaft studiert (lic.iur.) und verschiedene Aus- und Weiterbildungen im Bereich Human Resources absolviert. Jahrelang hat sie in leitender Funktion als Personalverantwortliche in Grossbetrieben gearbeitet und Unternehmen in Fragen des Human Resources und des Arbeitsrechts beraten. Sie hat ein Diplom als Verhaltenstherapeutin für Kleintiere (I.E.T), ist Mitglied der VIETA und hat die FBA für Betreuungspersonal in Tierheimen inkl. Praktikum erfolgreich absolviert. Im Tierschutz ist sie seit frühester Kindheit aktiv. 2008 hat sie die Tierschutzorganisation NetAP - Network for Animal Protection gegründet und ist seit 2012 vollumfänglich im Tierschutz tätig. Seit Ihrer Jugendzeit schreibt sie regelmässig für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Online Magazine.

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