Das Schweizer Bildungssystem diskriminiert Kinder aus bildungsfernen Haushalten. Das besagt eine neue Studie. Wo müssten die Hebel angesetzt werden, damit dies künftig geändert wird?
Das Bildungssystem ist in der Schweiz gleichzusetzen mit der heiligen Kuh. Es geniesst insbesondere im Ausland einen guten Ruf. Doch wer einen Blick hinter die Fassade wirft, kann da und dort einige tiefere Kratzer feststellen. Und dennoch tun sich nötige Veränderungen sehr schwer.
Dass eine Reform nötig ist, verdeutlicht nun eine Langzeitstudie der Universität Bern, die seit 2001 die Bildungsverläufe von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz untersucht. Sie kommt zum Schluss: Kinder aus bildungsfernen Haushalten werden von der Schule diskriminiert. Sprösslinge von Eltern, die über einen Akademieabschluss verfügen, haben doppelt so hohe Chancen auf einen Uni-Abschluss wie Nichtakademiekinder. Im Klartext heisst das: Das Schweizer Bildungssystem ist so ausgelegt, dass Kinder aus privilegierten Haushalten besonders profitieren.
Bis zum 30. Lebensjahr haben demnach 40 Prozent der Kinder aus Akademikerfamilien einen Bachelor- oder Masterabschluss. Im Gegensatz dazu haben nur etwa 19 Prozent der Kinder, die nicht studiert haben, zum besagten Zeitpunkt einen solchen vorzuweisen, berichtet der Tagesanzeiger.
Keine Noten, keine Selektion
Wo müssten also die Hebel angesetzt werden, damit solche Chancenungleichheiten ausgemerzt werden können?
Dass der Schulerfolg heute mehr denn je von den finanziellen und personellen Möglichkeiten des Elternhauses abhängig ist, erstaunt SP-Politikerin Ursi Senn-Bieri nicht weiter. «Die SP fordert schon länger grössere Investitionen in die familienergänzende Betreuung und in die frühe Förderung, damit eine Chancengerechtigkeit erreicht wird.» Das Schulsystem mit Noten und Selektion nach der sechsten Klasse sei für eine solche ebenfalls nicht förderlich.
«Wir wünschen uns eine leistungsorientierte Volksschulstruktur ohne Noten und ohne Selektion nach der Primarschule. Dadurch könnten sich die Schülerinnen und Schüler ohne den Vergleichsdruck individuell entfalten», ist sie überzeugt. «Schwächere Schülerinnen und Schüler würden nicht mehr auf Grund von schlechten Noten die Lernmotivation verlieren. So kennen die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Stärken und Schwächen, was die Motivation und Lernfreude steigert und damit wesentlich zum Lernerfolg beiträgt.»
Jeder soll es schaffen können
Als Unternehmer und Freisinniger setzt sich Christof Züger für mehr Chancengerechtigkeit in der Bildung ein. «Ich bin überzeugt, dass insbesondere unsere Volksschule für den Zusammenhalt in der Gesellschaft, die Wirtschaft und den Erfolg der Schweiz von allergrösster Bedeutung ist», sagt der FDP-ler. «Nur wenn es uns gelingt, Kinder und Jugendliche aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten fundiert und praxisnah auszubilden, sind wir in der Lage, unser Land in eine gute Zukunft zu führen.» Jeder und jede solle die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg haben. Das wiederum sei nur mit einer soliden Ausbildung möglich.
Das Wichtige fördern
Diese Voraussetzungen sieht Züger derzeit insbesondere in der Volksschule als gefährdet an. Ein grosser Teil der Schülerinnen und Schüler könne inzwischen weder in der eigenen Landessprache korrekt schreiben noch einen Alltagstext verstehen. Auch bei den MINT-Fächern würden grosse Defizite festgestellt werden.
«Solide Grundkompetenzen sind der Schlüssel, um die Chancengerechtigkeit sicherzustellen. Mit einer Entschlackung des Lehrplans könnte künftig die Fokussierung auf das wirklich Wichtige gefördert und der Überforderung der Kinder und Volksschulen entgegengewirkt werden.» Wie wichtig Grundkompetenzen sind, zeigt sich laut Züger auch im weiteren Verlauf der Berufslaufbahn.
Für den Oberbürer Unternehmer ist klar: In der Volksschule habe sich die integrative Schule in der Praxis zu wenig bewährt. Sie würde unter den jetzigen Voraussetzungen die lernschwachen Kinder benachteiligen und hindere den Regelunterricht.
Ebenso soll die Volksschule Kinder mit besonderen Begabungen entsprechend fördern. Die künstliche und sehr teure Gleichmacherei in Form einer ausnahmslosen Integration nütze niemandem und untergrabe die Chancengerechtigkeit – insbesondere von Kindern aus bildungsfernen Haushalten.
Keine staatliche Umverteilung
Auf Chancengerechtigkeit legt Pascal Schmid ebenfalls grossen Wert. Doch die Ergebnisse der Studie stuft der SVP-Nationalrat aus dem Kanton Thurgau nicht unbedingt als besorgniserregend ein. Die Zeilen erwecken eher den Eindruck, dass ein akademischer Abschluss das höchste der Gefühle sei – während Berufsausbildungen demgegenüber minderwertig seien. «Es werden Berufswünsche angenommen, die gar nicht real sind, sondern ‘statistische Idealtypen’», sagt er. «Davon ausgehend werden theoretische Berechnungen angestellt, ohne die realen Berufswünsche miteinzubeziehen.»
Ausgeklammert wird seiner Meinung nach auch der Umstand, dass Kinder von ihren Eltern und deren Ausbildungsabschlüssen automatisch beeinflusst werden, was unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten mit ein Grund dafür sein dürfte, dass Kinder von Akademikern eher eine akademische Ausbildung einschlagen, während Kinder von Nicht-Akademikern eher eine gewerbliche, handwerkliche oder kaufmännische Laufbahn verfolgen.
«Ich bin der Meinung, dass möglichst hohe Maturitäts- und Akademikerquoten nicht anzustreben sind, zumal unser Berufsbildung derjenigen in anderen Ländern weit überlegen und unser Bildungssystem im Vergleich ausgesprochen durchlässig ist», so Schmid weiter. Insofern sieht er keinen Handlungsbedarf. ««Noch mehr Vorschriften und staatliche Umverteilung sind sicher keine Lösung. Im Zentrum muss vielmehr ein leistungsförderndes und -forderndes Umfeld stehen, das gute Leistungen belohnt und selbstverständlich auch Noten beinhaltet.»
Nicht gegeneinander ausspielen
Christoph Züger möchte verhindern, dass die Berufslehre und der akademische Bildungsweg gegeneinander ausgespielt werden – wie es die besagte Studie teilweise mache. «Sie geht nämlich davon aus, dass ein Uni-Abschluss der beste Bildungsweg für alle ist, was schlicht und einfach nicht stimmt. Wenn man die Bildungschancengerechtigkeit wirklich untersuchen möchte, müsste man sich der Frage stellen, wie viele Akademiker- und Nichtakademikerkinder den Bildungsweg, der am besten zu ihnen passt, nicht einschlagen konnten.» Nur so könne sichergestellt werden, dass die Berufslehre nicht als Bildungsweg zweiter Klasse abgestempelt werde, sondern den hohen Stellenwert erhalte, den sie auch verdiene.
(Bild: Depositphotos/pd)
Manuela Bruhin (*1984) ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».
Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.