Christine Bolt und Beat Tinner.
Am Wahltag vom 20. Oktober 2019 werden auch die Weichen für die St.Galler Regierungsratswahlen gestellt. Insbesondere die Freisinnigen werden mehrere Aspekte genau analysieren müssen.
Die neusten Umfragewerte sorgen bei der FDP für Aufregung. Es zeichnen sich teils massive Verluste bei den Eidgenössischen Wahlen ab. Die Freisinnigen müssen um den einen oder anderen Sitz bangen. Entsprechend machten diese Woche Emails die Runde, in denen St.Galler FDP-Politiker zum Wahlgang aufrufen. Der Email-Betreff ist deutlich: «FDP-Sitz akut in Gefahr – jetzt mobilisieren». Eine exakte Anleitung folgt dann sogleich. Etwa, dass man keine Panaschiergeschenke an andere St.Galler Parteien verteilen solle. Oder, dass man Marcel Dobler in den Ständerat wählen soll – und nur Marcel Dobler. Also keine zweite Stimme für Büchel, Würth und Co.
Der 20. Oktober wird für die St.Galler FDP zur Zitterpartie. Es ist keineswegs sicher, dass sie die zwei Sitze im Nationalrat halten kann. Gut möglich, dass Marcel Dobler als Nationalrat bestätigt wird, die FDP aber keine zweite Kandidatin oder einen zweiten Kandidaten ins Trockene bringt. Gut möglich ebenso, dass Dobler im Ständeratswahlkampf gegen Benedikt Würth und Paul Rechsteiner scheitert.
Dobler müsste künftig als einziger St.Galler Freisinniger nach Bern fahren. Solche Einbussen könnte die FDP in keiner Weise mehr schönreden.
Nur: Es könnte noch schlimmer kommen.
Im Frühling folgen die Regierungsratswahlen. Die FDP muss den Sitz des zurücktretenden Martin Klöti verteidigen. Mit wem sie das tun wird, entscheiden die FDP-Delegierten in der Woche nach den Eidgenössischen Wahlen am 24. Oktober.
Die Delegierten haben die Wahl. Offiziell schlägt ihnen die Parteispitze die beiden Kandidaten Christine Bolt und Beat Tinner vor. Zwei sehr unterschiedliche Personen mit unterschiedlichen Lebensläufen und unterschiedlichen Netzwerken. Beide werden in den nächsten Tagen alles daran setzen, Stimmen für sich gewinnen zu können.
Nur: Aus FDP-Kreisen ist zu vernehmen, dass man sich intern nicht einig über die Strategie ist. Namentlich will allerdings derzeit niemand erwähnt werden. Während sich die einen klar dafür aussprechen, nur mit einer Person ins Rennen zu steigen, liebäugeln andere damit, die Wahlen mit beiden Kandidaten anzugehen. Zusammen mit FDP-Regierungsrat Marc Mächler, der sich einer Wiederwahl stellt, wäre das also ein FDP-Dreier-Ticket.
Als Argument für ein Dreier-Ticket wird erwähnt, dass man damit den Wählerinnen und Wähler eine echte Auswahl bietet. Hinter vorgedeckter Hand wird dann ergänzt, dass man sich damit als FDP im Rahmen der Delegiertenversammlung weder auf Bolt noch auf Tinner festlegen müsste.
Die Gegner dieser Strategie sprechen von einer «feigen Vorgehensweise», die gerade bei einem allfällig schlechten Abschneiden der FDP bei den Eidgenössischen Wahlen, vom Bürger als «arrogant» ausgelegt werden könne. Alle drei Kandidaten würden sich in diesem Szenario gegenseitig Stimmen wegnehmen und damit den zweiten Sitz – einige sprechen gar von beiden FDP-Sitzen und damit auch von jenem des eigentlich gesetzten Marc Mächler – gefährden.
Neben den kantonalen – und auch nationalen – Stimmen, welche die FDP am 20. Oktober verbuchen kann, dürfte aber noch ein weiteres Resultat Einfluss auf den Entscheid der Delegiertenversammlung haben: Jenes von Nationalratskandidat Beat Tinner. Mit einer Wahl des Kantonsratsfraktionspräsidenten ist nicht zu rechnen. Aber sein Resultat vermittelt ein Stimmungsbild seiner Wählbarkeit. Es gibt eine Antwort darauf, ob Tinner in weiten Teilen des Kantons – namentlich auch in der Stadt St.Gallen – Stimmen holen kann oder nicht. Ist Tinner ein eifriger «Schaffer» und «Netzwerker», der auch die Wählerinnen und Wähler begeistern kann oder nicht?
Christine Bolt hat hierbei den Vorteil – oder, je nach Abschneiden der FDP und von Tinner den Nachteil –, sich nicht diesem Vortest stellen zu müssen. Sie kandidiert nicht für den Nationalrat.
Christine Bolt und Beat Tinner.
Marcel Baumgartner (*1979) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».
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