Es ist noch keine Anklage gegen Pierin Vincenz erfolgt. Auch wurden keine Anklagepunkte genannt. Aber: Vielerorts sind die Urteile bereits gefällt.
Leute, die sich bis vor einem Jahr im strahlenden Umfeld von Vincenz gesonnt haben, kehren sich ab, obwohl heute niemand weiss, ob es überhaupt zur Anklage oder dann auch jemals zu einer Verurteilung kommt.
Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet jene Leute, die keine Ahnung haben, schon immer alles gewusst haben.
Der Fall Vincenz stellt vor allem ein Duell zweier Alphatiere der Schweizer Justiz dar.
Für den Top-Strafverteidiger Lorenz Erni und den Zürcher Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel steht dabei viel auf dem Spiel.
Ihre künftige Karriere hängt unmittelbar mit dem Erfolg bzw. dem Scheitern im Fall Vincenz ab. Es ist ein moderner Hahnenkampf – ausgetragen vielleicht auf den Schultern des Steuerzahlers –, der im Falle einer Nichtverurteilung sehr teuer werden kann.
Aktuell ist Vincenz nicht mehr so medienpräsent – jetzt wird sein Nachfolger und «Ziehsohn» Patrik Gisel durch die Inquisition der Presse «mit den grossen Voten» demontiert.
Was hat Gisel falsch gemacht? War es ein Fehler, ein Freund von Vincenz zu sein und mit ihm viele Erfolge zu feiern sowie 15 Jahre zusammen gearbeitet zu haben?
Die Erfolge von Vincenz: Wer kennt bzw. nennt die heute noch?
Wie viel neue Arbeitsplätze hat Vincenz in seiner Amtszeit als CEO bei Raiffeisen geschaffen?
Wie viel hat Raiffeisen unter Vincenz für die Stadt St. Gallen gemacht?
Wer hat damals die Bank Wegelin «gerettet»?
Wie viel hat der private Pierin Vincenz als Donator in seiner Heimat verteilt?
Man weiss aus beiläufigen Kommentaren eingebildeter Journalisten, was Pierin Vincenz letztlich zum Vorwurf gemacht wird, konkret aber weiss es niemand.
Ein Beispiel ist die genannte Firma Investnet. Bei der soll Vincenz sowohl als Verkäufer (Raiffeisen), als auch als Käufer (Aktionär) beteiligt gewesen sein.
Aber: Raiffeisen hat mit der Investnet gutes Geld verdient – es entstand also kein Schaden, keinem einzigen Genossenschafter von Raiffeisen. Im Gegenteil: Es waren erfolgreiche Geschäfte mit Mehreinnahmen für die Raiffeisen Bank.
Allen, die Vincenz nun vorverurteilen, möchte man fragen: Hätten Sie zur Möglichkeit, zusätzliche Einnahmen zu generieren, «Nein» gesagt?
Wohl kaum.
Und wer es dennoch glaubt, sollte sich womöglich hinterfragen, ob vielleicht ein bisschen Neid mitspielt.
Jörg Caluori (*1953) ist freischaffend und wohnt in Niederbüren und Kapstadt.
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