Unser «R» muss im Hals kratzen, das «A» klingt metallig, das «Ch» ähnelt dem Fauchen einer Katze. Wenn Sie dies auch hören, sind Sie der St.Galler DNA näher gekommen.
Nach meinen mehrmonatigen Aufenthalten in Spanien und Argentinien bin ich sicher: Sprache ist mehr als Mittel zum Zweck «Kommunikation». Sprache vertont die Seele. Schon allein das Gefühl, meine Klangfarbe sei auf Spanisch etwas verführerischer als auf Sanggaller-Deutsch. Natürlich lässt sich die Theorie auch grammatisch fundieren: Der Konjunktiv der lateinischen Sprachen beispiels-
weise erlaubt es mir, zu unterscheiden, ob ich ein Ereignis beschreibe oder meine subjektive Ansicht beziehungsweise Absicht betone. Auf (Sanggaller-) Deutsch gibt es diese Verbform so nicht.
Sprachen haben unterschiedliche Werkzeuge, um Kultur hörbar zu machen. Eine ist der Klang. Deshalb: Lauschen Sie. Es klingt eckig, nervös, spröd, grell, ja fast ungeschliffen. Aber nicht nur. Denn dieses Ungeschliffene ist von einer ehrlichen Schönheit. Und wir klingen: weltoffen. Schliesslich flirtete unsere Textilstadt einst mit Paris und Frankreich. Deshalb «schmeicheln» wir nicht, sondern «flattieren» (bien sûr leicht nasal). Und der Stadtteil im Zentrum heisst «Centrum»; akustische Zeitzeugen einer Stadt, die sich nicht Rankings unterordnete, sondern ihr kulturelles Selbstverständnis lebte. Natürlich, wer die St.Galler Geschichte kennt, weiss, dass uns nach dem Ersten Weltkrieg eine (Textil-)Krise erfasste. Stadtbeobachterinnen und -beobachter erklären, jener Schlag sitze immer noch tief. Und ich entgegne, eine Gesellschaft brauche drei Generationen, um ein Trauma zu überwinden. Darum ist es jetzt an der Zeit, Leidenschaft in uns gegenseitig zu wecken – für unsere eigenen Geschichten, um Stadtgeschichte weiterzuschreiben. Die Sprache der Grenzenlosigkeit.
Gallus Hufenus, KaffeeZelebrierer und KaffeehausBetreiber, TangoLiebhaber, Weltenbummler, Sozialdemokrat. Wer den umtriebigen Barista live erleben möchte: Man trifft ihn in seinem Kaffeehaus in der Spiservorstadt: www.kaffeehaus.sg (Betonung auf der zweiten Silbe).
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