Franziska Steiner-Kaufmann
Fachkräftemangel, AHV-Lücken, Unabhängigkeit: Dass Frauen trotz Kinder im Berufsleben bleiben sollen, ist heute wichtiger denn je. Die Stadt Luzern beispielsweise macht vorwärts und verbessert die Vereinbarkeit. Und die Ostschweiz?
Der Schülerhort soll in der Stadt Luzern nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein. Der Stadtrat möchte in diesem Bereich verschiedene politische Vorstösse umsetzen. Primarschulkinder sollen demnach automatisch für das Mittagessen in der Schule angemeldet werden, wenn sie am Nachmittag Unterricht haben. Wollen die Eltern das nicht, müssen sie ihre Kinder abmelden.
Künftig soll das Wirrwarr um die Stundenpläne reduziert werden. Eltern sollen bereits Jahre im Voraus wissen, wann ihr Kind jeweils am Nachmittag schulfrei hat. Der Instrumentalunterricht könnte demnach in die Mittagsstunden verlegt werden. Und die Beiträge für den Mittagstisch sollen einheitlich auf sieben Franken begrenzt werden.
Zerrissenheit der Mütter
Mit all diesen Anpassungen möchte der Luzerner Stadtrat eine bessere Vereinbarkeit zwischen Familien und Beruf schaffen. Lobende Worte dafür findet die Co-Präsidentin der SP der Stadt St.Gallen, Jenny Heeb (kleines Bild oben). Sie setzt sich seit vielen Jahren für genau solche Vorhaben ein – bisher jedoch fehlt ein ähnliches Angebot in der Stadt.
Sie ist Mutter dreier Kinder im Primarschulalter. Und weiss deshalb um die Zerrissenheit, die viele berufstätige Mütter auch in der heutigen Zeit noch immer spüren. «Wir sind in der privilegierten Lage, dass mein Mann und ich uns die Kinderbetreuung teilen», sagt sie im Gespräch. Man habe sich dazu entschieden, die Erwerbstätigkeit für die Familienarbeit herunterzufahren, und dafür auch auf Luxus verzichtet.
Wechselnde Stundenpläne
Ihre Kinder besuchen an einigen Tagen den Mittagstisch, wenn sie nachmittags Unterricht haben. Doch auch Jenny Heeb kennt die Herausforderungen, wenn ein Kind krank wird, oder der Stundenplan nach einem halben Jahr bereits wieder ändert. «Was Luzern nun anstösst, muss auch in St.Gallen das Ziel sein», sagt sie deshalb. Nur so könnten die Chancenungleichheiten ausgewogen werden – und es wäre gleichzeitig ein «Riesenquantensprung» für die Stadt St.Gallen.
Auch heute muss nach Heebs Ansicht nach noch viel getan werden, um Familien in St.Gallen eine echte Chance zu geben. Das schlechte Gewissen einer berufstätigen Mutter, auch das kennt Heeb aus eigener Erfahrung. «Ich bin dankbar, wenn es meinen Kindern gut geht, und weiss, dass die Betreuung gut abgedeckt ist. Aber wenn ein Kind krank ist, oder ich einen Termin nicht wahrnehmen kann, plagen auch mich schlechte Gefühle.»
Denn genau solche werden – manchmal unbewusst – in den Kindergärten und Schulen geschürt. Etwa, wenn Kindergartenkinder um acht Uhr den Unterricht besuchen sollen statt erst um neun Uhr. «Man hat mir damals erklärt, dass es natürlich möglich ist, das Kind bereits um acht Uhr zu empfangen – aber für viele sei der Start doch sehr früh. Man müsse es als Mutter selber entscheiden, ob man das dem Kind zumuten könne. Das hinterlässt einen faden Beigeschmack», erinnert sich Heeb.
Mittagstisch – eine Bestrafung?
Immer mehr Mütter arbeiten, die Stundenpläne sind jedoch seit vielen Jahren dieselben geblieben. Im Kanton St.Gallen haben Kinder beispielsweise bis zur vierten Klasse an drei Nachmittagen schulfrei.
Natürlich gibt es einen Mittagstisch – der ist im Vergleich zur Luzerner Lösung jedoch sehr teuer. Und für viele Kinder kommt er gar einer Bestrafung nahe, weil sie ihn schlicht nicht gerne besuchen.
Ein neues Schulhaus – ohne Mittagstisch
Dass der Mittagstisch eher die Ausnahme als die Regel ist, zeigt folgendes Beispiel der Gemeinde Waldkirch auf. 2019 wurde der Neubau der Primarschule für knapp 17 Millionen Franken bezogen – doch der Mittagstisch findet darin keinen Platz. Stattdessen müssen die Primarschulkinder auf ein altes Gebäude ausweichen, das nach einem kurzen Fussmarsch erreicht wird.
Hat die Region also den Zeitpunkt der wichtigen Änderung bereits verschlafen? Das sei überspitzt gesagt, findet Heeb. Aber: «Die politischen Prozesse dauern sehr lange. Man sieht grundsätzlich, dass eine Bewegung da ist. Die Umsetzung verdeutlicht, dass es noch sehr viele Widerstände gibt.»
Diana Gutjahr
Mit Widerständen hat auch SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr in regelmässigen Abständen zu kämpfen. Einerseits im Hinblick auf politische Vorstösse. Aber auch das Leben einer Mutter, welches sie nun seit zwei Jahren kennt, ist nicht immer nur einfach. «Der gesellschaftliche Druck auf eine Mutter, die bewusst nicht ausser Haus arbeitet, ist extrem hoch», sagt sie im Gespräch.
Persönlich hat sie ihre Tätigkeit als Unternehmerin und Politikerin auch nach der Geburt ihres Sohnes nicht aufgegeben, aber stark reduziert. Sie sei sehr viel zu Hause und für ihr Kind da. «Mein Alltag ist auf mein Kind ausgerichtet. Deshalb achte ich darauf, dass Sitzungen auf den Nachmittag oder Abend gelegt werden.» Dann übernehmen ihr Mann, ihre Eltern oder Schwiegereltern die Betreuung.
Gedanken beim Kind
Zusätzlich besucht ihr Sohn an zwei Nachmittagen in der Woche eine Kindertagesstätte auf einem Bauernhof. Als «Stress pur» bezeichnet Diana Gutjahr diese Zeit, weil mit der Anfahrt und der Abholzeit alles eng getaktet sei. «Wenn dann nur eine Sitzung länger dauert, bringt das den gesamten Zeitplan durcheinander», sagt sie.
Dennoch sei es ihr wichtig, dass ihr Kind mit Gleichaltrigen Kontakt habe – deshalb nehme sie die Herausforderungen gerne auf sich. Aber auch sie kenne das schlechte Gewissen, das mit der Berufstätigkeit einhergeht. Ihre Gedanken seien stets bei ihrem Kind – geht es ihm gut? Was macht er? «Dennoch spüre ich, dass mir meine berufliche Tätigkeit vieles zurückgibt. Wenn ich nicht glücklich bin, kann es auch mein Kind nicht sein.»
Keine Verstaatlichung
Einem Angebot, wie die Stadt Luzern es anstösst, sieht Gutjahr mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits müsse klar sein, dass mit der Familiengründung auch ein Verzicht einhergeht. «Die Betreuungssituation ist ein Familienthema, der Staat muss nicht überall eingreifen», hält sie fest. Wenn die staatliche Kinderbetreuung so massiv gefördert werden soll, wie im Luzerner Beispiel, müssten auch diejenigen Familien entlastet werden, welche die Betreuung ihrer Kinder selber stemmen würden. Dies gleiche sonst einer Ungleichbehandlung der Familienmodelle.
«Jede Frau muss für sich herausfinden, was sie gern möchte – und was für die Familie am besten funktioniert», sagt Gutjahr. Ihr Wunschszenario ist, dass die Kinder hierzulande erst zu einem späteren Zeitpunkt den Schuleintritt meistern müssten, und stattdessen länger zuhause ihre Zeit geniessen könnten. «Die Zeit, in der ein Kind in Ruhe zu Hause aufwachsen darf, wird meiner Meinung nach zu wenig wertgeschätzt. Die Frage muss viel mehr lauten, ob es wirklich immer ein zweites Einkommen braucht, oder ob es nur dem Status quo dient? Der Staat kann nicht überall verantwortlich gemacht werden.»
Überall dort, wo der Staat eingreife, ziehe dies Kosten nach sich – und erhöhte Steuern wiederum fördern die Notwendigkeit eines doppelten Einkommens. Die Schulden von heute seien die Steuern von morgen und würden somit das Haushaltseinkommen belasten. Ausserdem dürften ihrer Meinung nach die Leute, die keine Kinder haben, nicht ständig zur Kasse gebeten werden.
«Klassische Vorwürfe» seien das, denen Jenny Heeb nichts abgewinnen kann. «Wir sind nun mal ein Sozialstaat. Es gibt ganz viele Bereiche, die von Leuten genutzt werden, von anderen wiederum überhaupt nicht – sei es in der Landwirtschaft, im öffentlichen Verkehr oder ähnliches. Das Miteinander funktioniert nur, wenn wir einen Blick auf alles haben.»
Franziska Steiner-Kaufmann
In der Landwirtschaft tätig ist Franziska Steiner-Kaufmann. Gleichzeitig ist sie Schulleiterin, Kantonsrätin, Parteipräsidentin der Mitte des Kantons St.Gallen – und hat zwei Kinder im Vorschulalter. Ihr Mann und sie erachten die Familienarbeit als gemeinsame Aufgabe. Er arbeitet 80 Prozent in einem Holzbauunternehmen, sie zu 30 Prozent als Schulleiterin. Familienergänzend werden die Kinder drei Nachmittage in einer Kita betreut. Zudem unterstützen Grosseltern und Schwägerinnen die Familie bei den unregelmässigen Politterminen.
Sie habe kein schlechtes Gewissen, berufstätig zu sein – das sollten ihrer Meinung nach weder Väter noch Mütter haben müssen. «Für mich wird es durchaus unangenehm, wenn sich Termine innerhalb einer Woche ungünstig stark ansammeln – schlicht, weil ich die Kids dann vermisse», sagt Franziska Steiner-Kaufmann. «Ich gehe aber mal davon aus, dass sich dieses Phänomen nicht nur bei Müttern, sondern auch bei Vätern zeigt.»
Neue Mittags- und Nachmittagsgestaltung
Ihrer Ansicht nach setzt das Luzerner Modell klar einen Akzent auf die externe Betreuung, ohne die innerfamiliäre Betreuung dabei zu benachteiligen. «Es scheint sich aber im Wesentlichen nicht von den Möglichkeiten zu unterscheiden, die es heute in aller Regel an unseren Schulen bereits gibt – ausklammern möchte ich die neue Mittags- und Nachmittagsgestaltung, die ich spontan aus der Perspektive einer berufstätigen Mutter begrüssen würde.»
Ganz allgemein sei es sicher ein Modell, das sich in urbanem Gebiet sehr gut testen lasse. Wenn sie jedoch an die zahlreichen Landgemeinden in der Ostschweiz denke, dann passe das wohl (noch) nicht, weil der Betreuungsbedarf (noch) nicht in gleichem Masse vorhanden sei.
«Die Vereinheitlichung der Stundenpläne ist aus Sicht von Schulleiterinnen sehr anspruchsvoll umzusetzen, gerade in Zeiten von Fachkräftemangel.» Ganz allgemein sei sie gespannt auf die Evaluation – aus Schul- und Elternsicht sowie aus der Perspektive des Gewerbes.
Arbeit muss sich lohnen
Die Tarifgestaltung des Mittagstischs ist Sache der Gemeinden. Hier sind laut Franziska Steiner-Kaufmann die Unterschiede tatsächlich sehr gross. «Es darf nicht sein, dass sich das Arbeiten wegen einer höheren Steuerprogression und den Kosten für die Betreuung faktisch nicht lohnt.»
Dies könne gerade mittelständische Familien in anspruchsvolle Situationen bringen. Sie würden nämlich nirgendwo profitieren – weder von Niedrigtarifen in der Kita, noch von der IPV. «Doch sie zahlen überall kräftig mit.»
Wiedereinstieg ermöglichen
Persönlich habe sie sich für ein bedarfsgerechtes Angebot in den Gemeinden täglich von sieben bis 18 Uhr und während acht Schulferienwochen stark gemacht. Dem hat der Kantonsrat in der Novembersession 2022 zugestimmt. «Auch habe ich mich für die Erhöhung des Beitrags an die Gemeinden für die familienergänzende Betreuung von fünf auf zehn Millionen Franken eingesetzt, welche zustande kam.»
Man sollte ihrer Ansicht nach den beruflichen Wiedereinstieg nach der Geburt möglichst einfach gestalten. «Dazu braucht es dringend eine moderate, aber flexibel zu beziehende Elternzeit von beispielsweise 20 bis 24 Wochen. Ein entsprechender Vorstoss von mir wurde kürzlich hauchdünn abgelehnt. Die Zeit wird uns hier aber helfen», ist Steiner-Kaufmann überzeugt.
Generell wünscht sie sich höhere Kinderabzüge bei den Steuern, weil diese den Mittelstand entlasten und unabhängig vom Familienmodell wirken würden. «Bei den aktuellen Finanzperspektive muss man aber auch realistisch bleiben.»
Weiter geht Jenny Heeb mit ihrem persönlichen Wunschszenario. Sie möchte einen kostenlosen Mittagstisch für alle Schulkinder – auch mit Blick auf diejenigen, die ihre Mittagszeit zu Hause alleine verbringen, weil ihre Eltern arbeiten müssen. «Eine Schule, die auch das Freizeitangebot integriert, und so den Zugang zu Instrumenten und Sport für alle Kinder ermöglicht, muss ganz klar unser Ziel sein.»
Manuela Bruhin (*1984) ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».
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