Die Nacht vor den Bundesratswahlen gilt allgemein als Sprengkörper. Hier werden Gegenkandidaten aus dem Hut gezaubert. 2018 geht es eher um Scheinwerferlicht, Zugverbindungen - und sehr viel «Appenzeller»
Man trifft sich am Vorabend der Bundesratswahlen im Bellevue Bern oder im Schweizerhof. Im Schweizerhof trifft man die SVP-Politiker an. Im Bellevue gefühlte 200 Journalistinnen und Journalisten und ebenso viele National- und Ständeräte anderer Parteien mit ihrem Beraterstab.
Im Schweizerhof fliesst das Bier und der «Appenzeller». Es wird über Zugverbindungen und den Umgang mit Journalisten gesprochen. Man möchte diese Berufsgattung lieber nicht in der Nähe haben, spricht dann aber doch – im Wissen, dass sie da sind – gerne über die Vor- und Nachteile von den Kandidatinnen und dem Kandidaten.
Mit dem Kandidaten ist jener Herr gemeint, der Karin Keller-Sutter das Spiel verderben könnte. Allgemein ist man sich einig, dass er kein guter Spielverderber, sondern eher eine Platzhalter ist. Keller-Sutter ist so gut wie gewählt. Es fehlt an Alternativen. Und ihr Leistungsausweis wird als enorm hoch eingestuft. Bevor der Zug fährt, fliesst noch ein weiterer «Appenzeller». Dann ist aber Schluss. Man will morgen fit sein für den Tag.
Ein Blick ins Bellevue zeigt, hier denkt man weniger an Morgen, als vielmehr an heute beziehungsweise den eigenen Auftritt vor der Kamera.
Wer das Gefühl hat, in der Schweiz schrumpfe die Medienlandschaft, der sollte einmal einen Blick in dieses Geschehen werfen. Es blitzt an allen Ecken und Enden. Und man hat den Eindruck, die gesamte Journalistengilde der Schweiz sei hier versammelt.
Entsprechend geht es hier auch eher um das Sehen und Gesehen werden.
Drei Ostschweizer Nationalräte bleiben dem Spektakel übrigens gerade auch deshalb fern. Es sei weit entfernt vom Volk und weit entfernt vom eigentlichen Auftrag, den man ihnen erteilt habe, so ihr Urteil. Sie flüchten in ihr Hotel.
Derweil klammern sich alle anderen im Bellevue entweder an die Kamera oder an die Krawatte des Gegenübers. Wer Cüpligläser zählen würde, würde auf eine stattliche Anzahl kommen.
Ein Politiker sagt es nebenbei richtig: England hat kürzlich mehrere Minister ersetzt. Ohne grosses Tamtam. Und wir machen hier ein solches Spektakel.
Und ein älterer Journalist bilanziert: Früher hatte das Ganze noch Substanz. Da trafen Medienprofis auf Politprofis. Heute ist es ein Schaulaufen von wildgewordenen Selbstdarstellern – auf beiden Seiten.
Marcel Baumgartner (*1979) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».
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