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«Die Höhle der Löwen»

«Löwin» Bettina Hein: «Ich hatte keinen Inbegriff von ‘normalen’ Leuten mehr»

Die eigentlichen Stars der TV-Sendung «Die Höhle der Löwen» sind die Investoren. Unter ihnen ist auch die St.Gallerin Bettina Hein, Gründerin der Softwarefirmen HelloYellow, Pixability und SVOX. Ein Gespräch über Versager-Gefühle und den Spagat zwischen Beruf und Familie.

Marcel Baumgartner am 12. Juni 2019

Seit dem 21. Mai werben auf TV24 in der Sendung «Die Höhle der Löwen Schweiz» Unternehmensgründer um das benötigte Investitionskapital für ihre Geschäftsidee. Dabei beurteilen prominente Schweizer Investoren, die «Löwen», die Ideen und entscheiden, ob sie die Gründer mit ihren Investitionen und ihrem fachlichen Wissen unterstützen. Im Gespräch mit «Löwin» Bettina Hein.

Bettina Hein, wenn man sich mit Ihrer Person befasst, erfährt man von sehr vielen Erfolgsgeschichten. Ist bei Ihnen immer alles so reibungslos verlaufen oder gab es auch Misserfolge?

Natürlich, sogar ganz viele. Wenn man tiefer geht, merkt man, wie viel ich über Schwierigkeiten erzähle. Ich gehe damit sehr offen um. Das Leben als Unternehmer ist schwierig. Ich erinnere mich: Zu Anfangszeiten an der HSG bemitleideten mich viele meiner Kollegen. Sie alle bekamen super Jobs, ich hingegen gründete eine Firma. Zu dieser Zeit war es nicht so angesagt, eine kleine Softwarefirma zu gründen. Und es war wirklich hart. Fünf Jahre lang arbeitete ich von früh bis spät. Und ich fragte mich, warum alle Leute, welche in einer Druckerei, Bäckerei oder im Supermarkt arbeiteten, Geld verdienen können – nur ich nicht. Als ich Fundraising gemacht habe, und immer wieder Verluste hinnehmen musste, fühlte ich mich oft als völlige Versagerin. 2003 beispielsweise mussten wir die Hälfte der Belegschaft entlassen. Das war superhart – ebenso, als wir Kurzarbeit einführen mussten.

Sie hatten gewissermassen kein normales Leben?

Ich weiss noch, wie ich Leute im Tram mit einer Sporttasche gesehen habe. Ich fragte mich: Wie können die noch Sport machen? Ich hatte keinen Inbegriff von ‘normalen’ Leuten mehr.

Wann kam der Durchbruch?

Wir haben alles Mögliche mit der Software im Bereich Navigationssystem ausprobiert. Die Sprache-zu-Text-Software für Autos war schliesslich unsere Rettung. Wir haben monatelang dafür gearbeitet, um die Software auf die Automobilplattform zu übertragen. Zwei, drei Jahre später hat sich das dann schliesslich ausbezahlt, als wir für den Einsatz unserer Software für jedes Auto Geld erhielten. Ab da war es sofort profitabel.

Als dies der Fall war, ging ich mit meinem Mann nach Amerika. Wir absolvierten beide ein Studium. Und schliesslich gründeten wir verschiedene Softwarefirmen. Dies war im Jahr 2008, nicht gerade ein perfekter Zeitpunkt.

Wann kamen Sie zurück in die Schweiz?

Das war Ende 2018. Schliesslich lebt ein Grossteil unserer Familie hier. Es war Zeit, zurückzukommen.

Und kaum hier, werden Sie zur «Löwin»…

Zur Sendung bin ich zufällig gekommen. Als ich mit einer Gruppe Jungunternehmer unterwegs war, motivierten sie mich, mitzumachen. Ich dachte darüber nach. Es reizte mich. Und dann ging alles ganz schnell.

Damit werden Sie auch in der breiten Gesellschaft prominent?

Ich habe schon einige Kommentare gehört. Jemand wollte sich echauffieren und sagte mir, das ist ja super, dann kannst du als «Cervelat»-Prominenz vielleicht einmal die Olma eröffnen. Das würde ich im Übrigen super finden, weil ich die Olma liebe.

Was war Ihre eigene Motivation, an der Sendung teilzunehmen? Langeweile haben Sie sicherlich keine.

In Boston hatte ich jede Woche eine Sprechstunde, bei der mir jegliche Unternehmer Fragen stellen konnten. Ich bin gerne in dieser Fördererschiene, es ist meine Passion. Vielleicht war es auch ein wenig vorbestimmt? Ich probiere schon über zwei Jahrzehnte, die Leute zu ermuntern, Unternehmer zu werden. Deswegen halte ich die Sendung für eine gute Sache. Die Förderung ist in der Schweiz nicht genügend ausgeprägt. Daher biete ich nun auch hier in St. Gallen meine Sprechstunde an.

Gerade das Scheitern wird in der Schweiz häufig verschwiegen.

Ja. Das Ganze hat sich zwar schon ein wenig geändert, aber man redet im Allgemeinen sehr wenig darüber. Klar, Bankrott zu gehen, ist nie schön. Das Leben als Unternehmer ist wie eine Art Achterbahn. Man hat viele Hochs, aber genauso viele Tiefs – und dies manchmal an einem Tag.

Geben Sie das auch den Leuten mit auf den Weg? Meistens geht es ja eher um die Erfolgsgeschichten. Eigentlich müsste man auch die andere Seite beleuchten – daraus könnte man manchmal noch mehr lernen.

Genau, weil es diese Lektionen sind, die einem bleiben. Klar erinnert man sich gerne an die Erfolgserlebnisse. Aber es gibt eben auch diese Zeiten, in denen man denkt: So, jetzt ist fertig. Wir hatten als Gründer auch schon Phasen, in denen wir uns nichts ausbezahlt haben. Auf den letzten Moment hin erhielten wir dann ein rettendes Investment. Was ich hier gelernt habe, ist, offen zu seinen Mitarbeitern zu sein. Man muss mit ihnen kommunizieren. Das gibt ihnen das nötige Vertrauen. Auch sie arbeiten für das Unternehmen, haben Familie im Hintergrund.

Haben Sie sich jemals selber in Frage gestellt? Dachten Sie, Sie wären auf dem falschen Weg?

Natürlich. Ich war der Meinung, dass jeder Schreiner Geld verdienen kann, ich jedoch dafür zu blöd bin. Ich fragte mich, was falsch an mir ist, warum ich den Grund nicht herausfinde. Man denkt ständig daran. Irgendwann muss man sich vor Augen halten, wie weit man eigentlich schon gekommen ist. Ansonsten verzweifelt man.

Feiern Sie Erfolge? Beispielsweise mit einem guten Wein oder einem Kurzurlaub?

Eigentlich sollte man das. Sicher gibt es Tage, an denen ich denke, das war jetzt gut. Aber gross feiere ich es nicht, sondern mache gleich weiter.

In einem Artikel wurden Sie einmal als Serienunternehmerin bezeichnet. Man hat hier sogleich das Bild einer Fliessband-Arbeit vor Augen…

Bei jeder Firma, die ich gegründet habe, war stets viel Herzblut mit dabei. Sie sind ein Teil von mir. Aber sie sind auch fremdkapitalfinanziert. Das heisst, die Investoren müssen ihr Geld zurückerhalten. Bei SVOX dauerte es elf Jahre. Auch bei meiner neuen Firma HelloYellow ist dies der Plan. Mein Gehirn ist immer damit beschäftigt, Probleme zu lösen – ansonsten würde mir tatsächlich langweilig werden. Mit Fliessband-Arbeit hat das also gar nichts zu tun.

In diesem Fall ist es auch nicht Ihre letzte Station? Wird es wieder etwas Neues geben?

Derzeit spielt auch die Familienphase eine Rolle. Unsere Kinder sind fünf und acht Jahre alt. Jeweils nach der Geburt bezog ich sechs oder gar nur drei Wochen Mutterschaftsurlaub. Dann habe ich sie mit ins Büro genommen. Wir hatten eine Vollzeit-Nanny und mein Mann unterstützte mich. Seit einem halben Jahr habe ich mehr Zeit für die Kinder, das ist enorm wertvoll.

Kinder und Beruf stellen immer einen Spagat dar.

Ich kenne diese Erfahrung. Zum Teil arbeitete ich 16 Stunden, verliess um fünf Uhr morgens das Haus und war um 22 Uhr wieder zurück. Ich wollte unbedingt nachsehen, ob die Kinder immerhin gut eingeschlafen sind. Auf die Dauer war das super anstrengend.

Zur Person

Die in St. Gallen lebende 45-Jährige ist Gründerin mehrerer Unternehmen in der Softwarebranche. Ihr jüngstes Unternehmen ist das Web 3.0 Technologiestartup «HelloYellow». Ausserdem ist sie Gründerin der Softwarefirma Pixability, die ihren Sitz in den USA hat, und Mitgründerin von SVOX, einem Schweizer Sprachtechnologie-Unternehmen, das für 125 Mio. US-Dollar an das US-Unternehmen Nuance Communications verkauft wurde. Bettina Hein ist Young Global Leader am World Economic Forum und wurde als «Immigrant Entrepreneur of the Year 2018» in Boston ausgezeichnet.

Der Artikel erschien als «Erstabdruck» im Unternehmermagazin LEADER.

Bettina Hein

Unternehmerin Bettina Hein: «Ich hatte damals keinen Inbegriff von ‘normalen’ Leuten mehr.» (Bild: zVg.)

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Autor/in
Marcel Baumgartner

Marcel Baumgartner (*1979) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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