Sieben Fragen, sieben Antworten. Manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Tiefe. Heute: Priester Andy Givel, Provinzial der Pallottiner Schweiz, Pfarradministrator der Seelsorgeeinheit Gossau. Was auf seinem Grabstein stehen wird, ist schon heute klar definiert.
Was war Ihr absolutes Highlight in den vergangenen Tagen?
Die Feier der Osternachtsliturgie. Es gibt im ganzen Kirchenjahr keinen eindrücklicheren Gottesdienst.
Es ist eine Liturgie, die mich jedes Jahr aufs Neue begeistert. Dunkelheit und Kerzenschein, Stile und Lobgesang, Trauer und Freude, Rückblick und Vorschau, Erinnerung und Gegenwart, Bekenntnis und Sendung – alles Elemente, welche durch unterschiedliche Texte, Symbole und Zeichen die Mitfeiernden berühren aber auch zum Nachdenken bringen.
Welche Gefühle löst ein solches Highlight jeweils bei Ihnen aus? Und haben Sie das Bedürfnis, es ordentlich zu feiern?
Zufriedenheit und Bestätigung. Die katholische Kirche ist bekanntlich in einer sehr herausfordernden Situation. Gerade in solchen Zeiten tut es mir gut zu spüren, dass dieser Glaube durchaus trägt und begeistert. Ja, Jesu Auferstehung muss ordentlich gefeiert werden, vielleicht anders, als andere Ereignisse gefeiert werden, aber immerhin nicht nur an einem Tag. Die Osterwoche ist liturgisch gesehen ein einziger Feiertag. Und welches Fest dauert schon eine ganze Woche?
Wie gehen Sie mit Niederlagen um? Und welches war die letzte grössere Niederlage?
Ich würde lieber von Herausforderungen als von Niederlagen sprechen. Solche wiederum versuche ich konkret anzugehen und zu lösen, wenn es in meiner Kompetenz und Macht steht. Ich mag es nicht, wenn Dinge, die geklärt werden müssen, auf die lange Bank geschoben werden.
Würden Sie von sich sagen, dass Ihre Work-Life-Balance intakt ist? Und falls nicht: Woran liegt es?
Ich weiss nicht, was ich mir darunter vorstellen soll. Würde man meine Arbeitsstunden zusammenzählen würden die meisten wahrscheinlich sagen, dass die Balance aus dem Gleichgewicht geraten ist. Aber was macht die Work-Life-Balance denn aus? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich mich sehr glücklich schätzte, einen Beruf ausüben zu dürfen, der mich tagtäglich begeistert, der mich immer wieder herausfordert und in welchem ich immer wieder auf ganz unterschiedliche Art und Weise lernen kann. Ich würde mich als zufrieden bezeichnen und darum ist die Balance wohl doch vorhanden.
Welchen grossen Traum möchten Sie sich noch erfüllen? Und was hat Sie bisher davon abgehalten?
Diesbezüglich bin ich langweilig: Ich habe keine Träume, die ich mir erfüllen möchte. Hätte ich diese tatsächlich, würde ich sie wahrscheinlich angehen.
An welchem Punkt in Ihrem Leben hätte die Entwicklung ganz anders verlaufen können. Und wieso?
Die Entscheidung Ordensmann (Pallottiner) und Priester zu werden. Hätte ich damals, vor rund 25 Jahren, auf meinem damaligen Beruf als Krankenpfleger weitergearbeitet und die Berufung – ein grosses Wort – die ich ihn mir spürte, verdrängt, dann wäre vieles ganz anders herausgekommen. Wie und was aus mir geworden wäre, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Was ich aber sagen kann: Bereut habe ich diesen Schritt an keinem Tag. Auch nicht in heutiger Zeit, in der die Kirche vieles aufarbeiten und neu angehen muss.
Was soll auf keinen Fall auf Ihrem Grabstein stehen?
Darüber mache ich mir keine Gedanken, denn auf meinem Grab wird nur ein Kreuz stehen. Das ist in unserer Gemeinschaft so üblich und das ist Zeichen und Symbol genug. Mehr braucht es nicht. Vor allem keine Worte. Was mich aber freuen würde, wenn mich Menschen in positiver Erinnerung halten.
Marcel Baumgartner (*1979) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».
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