Ein Trottoir oder auf gut Deutsch ein Gehweg ist neuerdings ein Parkfeld.
Die Stadt St.Gallen hat im Sommer 2019 einen Test mit 100 E-Scootern in der Innenstadt durchgeführt. Noch ist offen, ob daraus ein echtes Projekt wird. Falls ja, lohnt sich zur Vorbereitung ein Besuch in München. Dort wurde aus einer Innovation eine Plage.
München hat mehr als 1,5 Millionen Einwohner und bildet das Zentrum einer Region mit rund 6 Millionen Menschen. Dagegen ist die Stadt St.Gallen mit ihren rund 80'000 Bewohnern ein Zwerg. Direkte Vergleiche sind daher definitiv nicht möglich. Einiges kann man aber gewissermassen anteilig umlegen. Führt München etwas Neues ein, tut es das natürlich in einem viel grösseren Massstab als St.Gallen, aber die Auswirkungen können - verhältnismässig – dieselben sein.
In der bayrischen Metropole kann man heute via App E-Scooter mieten, aber auch Fahrräder und sogar Roller. Und man muss dabei nie Angst haben, kein Gefährt zu finden. Die Dinger stehen im Stadtzentrum ohne Übertreibung auf Schritt und Tritt. Das vor allem, weil mehrere Anbieter um Kunden buhlen. Allein bei den E-Scooters sind es sage und schreibe sieben Unternehmen, die die elektronischen Trottinetts im Angebot haben. Darunter ist auch die Firma VOI, die in St.Gallen Partner eines Testbetriebs war. Dieser fand im Sommer statt, in diesem Frühling wird nach der Auswertung entschieden, ob daraus ein echter Betrieb wird.
München ist zeitlich nur wenig voraus, die Stadt hat im Frühjahr 2019 mit der E-Scooter-Offensive begonnen. Vorerst darf jeder Anbieter maximal 1000 Gefährte im Mittleren Ring der Stadt in Betrieb haben. Macht summa summarum 7000 der Dinger. Dazu kommen Leihvelos und Leih-Roller.
Das Ärgernis sind nicht die in der Innenstadt durchaus praktischen Fortbewegungsmittel, sondern der Umgang mit diesen. Mieter, die an ihrem Ziel angekommen sind, stellen ihren E-Scooter gerne einfach mitten auf dem Trottoir ab, nicht selten quer. Oder direkt vor einem Fussgängerübergang. Oder auf Gehwegen, die bereits knapp an der Grenze sind für Kinderwägen oder Rollstuhlfahrer. An manchen Punkten ballen sich die schnittigen E-Trottinetts zu Trauben, die ein Durchkommen kaum mehr ermöglichen. Für die Nutzer gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn, ich bin angekommen, also hinstellen und gut ist.
Beim «Regelwerk» der Stadt München ist nicht festgehalten, wo die E-Scooter hingestellt werden dürfen. Dafür beispielsweise, dass man nicht auf Gehwegen fahren darf. Was natürlich kein Mensch beachtet, da es längst nicht überall Radwege gibt und die wenigstens auf die Strasse wollen (obwohl sie dürfen, wenn kein Radweg vorhanden ist). Der einzige Hinweis im städtischen «FAQ» zum Thema Parken ist, dass man das Gefährt stehen lassen soll, es werde dann abgeholt zum Aufladen. Da die meisten Nutzer nur Kurzstrecken absolvieren, ist das wohl selten notwendig, und die motorisierten Verkehrshindernisse bleiben gern mal mitten auf einer Fussgängerkreuzung stehen.
München zeigt: Genutzt werden die E-Scooter. Aber mit ihrer Einführung muss, so bedauerlich es ist, ein klares Regime her, was das Ende der Fahrt angeht. Auch wenn in St.Gallen natürlich massiv weniger unterwegs sein werden – der Test wurde mit 100 Scootern durchgeführt – ist das Ergebnis auf der viel kleineren Stadtfläche dasselbe, wenn einige hundert im Betrieb sind. Spätestens wenn sich an neuralgischen Stellen wie am Abgang zu Parkgaragen oder am Bohl Scooter-Trauben bilden, wird aus der guten Idee ein Ärgernis-
Ein Trottoir oder auf gut Deutsch ein Gehweg ist neuerdings ein Parkfeld.
Die Qual der Wahl: Was soll ich mir auf die Schnelle mieten per App?
Warum eine Reihe bilden mit den anderen, wenn man den Scooter auch viel prominenter mitten aufs Trottoir stellen kann?
Hier gehen tagsüber auch gern mal Menschentrauben von 20 und mehr Personen in beiden Richtungen über die Strasse. Vielleicht bildet der Scooter eine Art Richtungstrenner?
Fahrräder sind natürlich ein effektvolleres Hindernis als die eher schlanken E-Scooter.
Da steht ein Auto, dann wird man wohl auch seinen Scooter hinstellen können.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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