Während Bundesrats-Favoritin Karin Keller-Sutter in den Ferien weilt, wird ihr von einem Parteimitglied nach dem anderen der rote Teppich ausgerollt.
Caroni verzichtet. Würth wartet ab. Wie wird sich die FDP-Politikerin entscheiden? Eine Prognose.
Die Ostschweiz wird im Dezember einen Sitz im Bundesrat erhalten. Daran zweifelt kaum mehr jemand.
Die Wiler Ständerätin Karin Keller-Sutter gilt als klare Favoritin – sofern sie denn antritt.
Aktuell weilt sie in den Ferien und wird während diesen Tagen genau kalkulieren, wie hoch ihre Chancen stehen.
Während beim Normalbürger während der Abwesenheit der Pendenzenberg heranwächst, wird bei Karin Keller-Sutter der Weg ins Bundesratszimmer geebnet.
Als erste gab Parteipräsidentin Petra Gössi ihren Kandidatur-Verzicht bekannt.
Das war zu erwarten. Denn die Zentralschweizerin weiss sehr wohl, dass nun die östliche Region an der Reihe ist. Sie ist zwar eine Frau, aber eben keine aus der Ostschweiz.
Ostschweizer, aber männlich ist Andrea Caroni. Der Ausserrhoder Ständerat hat sich am Dienstag aus dem Rennen genommen und dabei gleich eine Empfehlung für Karin Keller-Sutter abgegeben.
«Als ehemaliger persönlicher Mitarbeiter eines Bundesrates weiss ich: Dieses Amt ist allumfassend», schreibt Caroni in einer Medienmitteilung. Das Familienleben und eine solche Aufgabe kämen einander in die Quere. «Daher könnte ich nicht gleichzeitig meinen beiden kleinen Kindern ein guter Vater sein und dem Land ein guter Bundesrat.»
Der Ausserrhoder FDP-Poltiker stellt sich in der Folge klar hinter Ständerätin Karin Keller-Sutter.
Auch sein Verzicht ist keine Überraschung. Caroni ist bislang auf der Erfolgswelle gesurft. Seine Chancen – heute – bei einer Kandidatur für den Bundesrat wären äusserst gering. Seine Zeit kann durchaus noch kommen.
Ebenfalls eine Absage kam mit CVP-Ständerätin Brigitte Häberli aus dem Kanton Thurgau. Nicht unbedeutend, da die CVP-Vakanz am 5. Dezember vor jener der FDP besetzt werden wird. Wird hierbei eine Ostschweizerin oder ein Ostschweizer gewählt, wird es eng für einen FDP-Bundesrat bzw. eine FDP-Bundesrätin aus diesem Landesteil.
Das bringt uns zu St.Galler Regierungsrat Benedikt Würth. Der CVP-Politiker dürfte aktuell alle Szenarien durchspielen, bevor er eine Kandidatur – oder eben einen Verzicht – bekannt gibt. Er weiss: Seine Chancen sind intakt. Wer Keller-Sutter verhindern will, wird bei der ersten Wahl den Namen «Würth» auf den Stimmzettel schreiben.
Nun stellt sich die Frage, ob Würth auf dieses Pokerspiel eingehen will. Auch er musste auf seiner politischen Laufbahn bisher keine Niederlage verbuchen. Und auch er hat Zeit. Verzichtet er heute, kann seine Chance morgen kommen.
Wenn Würth verzichtet, kommt Karin Keller-Sutter.
Und die gewagte Prognose: Wenn Würth antritt, kommt Karin Keller-Sutter ebenfalls.
Die Vorzeichen sind dieses Mal anders als noch vor acht Jahren, als sie gegen Johann Schneider-Ammann unterlag. Damals galt sie gerade im linken Spektrum als nicht wählbar.
Aber in ihrer Funktion als Ständerätin – 2010 war sie noch Regierungsrätin – hat sie Allianzen geschmiedet und gezeigt, dass sie den Konsens sucht.
Auch wenn nun gewisse SVP-Politiker damit drohen, ihr die Stimme zu verweigern. Auch sie wissen, dass sie mit Keller-Sutter letztlich eine Bundesrätin haben, die in vielen Bereichen deckungsgleich ist mit der Politik der SVP.
Karin Keller-Sutter dürfte sich bereits entschieden haben.
Eine Person, die das ganze bisherige Leben dermassen auf die Politik ausgerichtet hat, wird auch die «letzte Meile» beschreiten wollen. Dass sie grundsätzlich am Amt interessiert ist, hat sie vor acht Jahren bewiesen.
Heute stehen die Türen weit offen.
Karin Keller-Sutter wird die nächste Ostschweizer Bundesrätin. Und damit auch die zweite weibliche FDP-Bundesrätin nach Elisabeth Kopp.
Marcel Baumgartner (*1979) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».
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