Ein alter Fall wird neu aufgerollt. Weshalb ist Karin Keller-Sutter vor zwei Jahren aus dem Verwaltungsrat der NZZ ausgeschieden? Eine Zeitung vermutet, dass sie damit ihre politische Karriere schützen wollte. Möglich ist aber auch eine ganz andere Begründung.
Verwaltungsrätin bei der NZZ: Das ist eine hübsche Aufgabe. Auch wenn die NZZ wie alle Verlagshäuser zu kämpfen hat, ist sie noch immer eine Schweizer Institution. Und wer ihre Strategie mitbestimmt, hat ein Stück der Macht.
Ein solches Stück ergatterte die St.Galler Ständerätin im Jahr 2012, als sie in den NZZ-Verwaltungsrat gewählt wurde. Im April 2016 verzichtete sie darauf, sich einer Wiederwahl zu stellen. Das zwar nach Ablauf der ordentlichen Amtszeit, aber es erstaunte dennoch: Vier Jahre sind nicht viel, zumal die Entscheidung auch hiess: Die Ostschweiz war nicht mehr im Gremium vertreten. Da mit dem St.Galler Tagblatt auch eine Zeitung aus unserer Region zur NZZ gehört, ist das durchaus entscheidend.
Damals wurde es ziemlich ruhig zur Kenntnis genommen, dass Keller-Sutter schon nach vier Jahren ausschied. Jetzt, wo die Ständerätin für die Bundesratswahl zur Diskussion steht, erhält die Personalie plötzlich wieder Aufmerksamkeit.
Die «Handelszeitung» macht das in der jüngsten Ausgabe zum Thema. «Karin Keller-Sutter: Deshalb verliess sie die NZZ», titelt das Blatt. Die These: Die Medienpolitik der NZZ sei immer mehr zur Zerreissprobe für die Wilerin geworden. Dabei sei es vor allem um die Regionalmedien der NZZ gegangen. Bekanntlich arbeiten diese immer mehr übergreifend und suchen Synergien, konkret St.Galler Tagblatt und «Luzerner Zeitung». Der Hintergrund ist banal: Betriebswirtschaftliche Sparzwänge.
Diese Entwicklung löste in der Ostschweiz Ängste aus. Viele befürchteten, dass regionale Inhalte der Zentralisierung zum Opfer fallen könnten. Auch die Politik schaltete sich ein - bis hin zur Regierung, welche die regionale Medienpolitik zur Chefsache erklärte.
Mit anderen Worten: Die Geschäftspolitik der NZZ stand immer mehr diametral zu den Interessen der Ostschweiz. Und Karin Keller-Sutter befand sich zwischen den beiden Polen. Vertrat sie die NZZ-Position offensiv, würde ihr das früher oder später in der eigenen Heimat zum Vorwurf gemacht. Im Sinn von: Die Verwaltungsrätin verkauft ihre eigene Region. Die Region, deren Interessen sie als Ständerätin vertreten sollte.
Liest man die «Handelszeitung», wird der Eindruck erweckt: Keller-Sutter wollte ihre politische Karriere schützen, indem sie auf eine Wiederwahl verzichtete. Sie handelte also berechnend. Es gibt aber auch eine andere Lesart: Sie konnte sich mit der Politik einer Mehrheit des Verwaltungsrats nicht mehr identifizieren und zog folgerichtig die Konsequenzen.
Erstaunen würde das nicht. Schon in früheren Fällen soll Keller-Sutter demnach quer zu ihren Kollegen gestanden sein, beispielsweise bei der Idee, Markus Somm zum NZZ-Chefredaktor zu machen. Das habe sie laut «Handelszeitung» befürwortet, doch es kam nicht soweit.
Dass es für Karin Keller-Sutter früher oder später schwierig hätte werden können, die Strategie der NZZ gegenüber der eigenen Region zu erklären, ist sicher richtig. Dass sie aber aus Eigennutz gehandelt hat, ist eine ziemlich abenteuerliche Interpretation. Genau so gut könnte man zum Schluss kommen, dass ihre Gegenwehr zugunsten der Ostschweiz erfolglos war - und sie zum Schluss kam, dass sie im Verwaltungsrat damit nichts mehr ausrichten kann.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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