Wird Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP) in den Ständerat gewählt, besteht die St.Galler Delegation aus zwei Vertretern aus Stadt und Umgebung St.Gallen. Die Geografie ist der grosse Makel an ihrer Kandidatur. SVP und Grüne könnten die Unzufriedenheit über die regionale Verteilung nutzen.
Paul Rechsteiner kommt aus St.Gallen, Karin Keller-Sutter aus Wil. Das bisherige Ständeratsgespann sorgte für eine gewisse geografische Verteilung. Dass bei zwei Sitzen nicht alle Regionen eines Kantons in den Genuss kommen, muss man kaum weiter erläutern.
Sollte nun aber Susanne Vincenz-Stauffacher, die St.Galler Kandidatin für Keller-Sutters Nachfolge, den bisherigen Sitz der FDP erben, sieht es zumindest für die nächsten vier Jahre etwas einseitiger aus. Rechsteiner ist Stadt-St.Galler, Susanne Vincenz-Stauffacher wohnt seit 1993 in Abtwil. Dort ist die Rechtsanwältin auch aufgewachsen.
Abtwil gehört zur Politischen Gemeinde Gaiserwald, ist aber in der Wahrnehmung vieler eine Art verlängerte Achse der Stadt. Damit wären die St.Galler Ständeratssitze ganz in der Hand der Kantonshauptstadt und des «Grünen Rings» um diese.
Eine möglicherweise temporäre Situation, denn es ist gut möglich, dass es Paul Rechsteiner in vier Jahren endgültig schaffen wird, dem Bundeshaus Adieu zu sagen. Und dennoch stören sich nicht wenige daran, dass ein so weitläufiger und heterogener Kanton wie St.Gallen allenfalls ausschliesslich von zwei Personen aus dem Dunstkreis der Stadt St.Gallen vertreten wird.
Das Onlineportal linth24.ch hat sich die Mühe gemacht, die Zusammensetzung der Ständeratsdelegation der letzten Jahrzehnte unter die Lupe zu nehmen. Das natürlich mit dem Ziel, den Kandidaten aus dem Linthgebiet, Benedikt Würth aus Rapperswil-Jona, zu stärken. Fazit der Zeitung: Seit 40 Jahren sitzt niemand mehr aus dieser Region im Ständerat.
Dem könnte man als Argument entgegen halten, dass auch Benedikt Würth seinen Hintergrund im «Speckgürtel» um St.Gallen hat, er ist in Mörschwil aufgewachsen. Nach vielen Jahren in Rapperswil-Jona und einer Vergangenheit als Stadtpräsident dort kann er aber mit Fug und Recht sagen, dass er das Linthgebiet vertritt.
Ein Ausschlusskriterium ist eine zweite Kandidatur aus der Region Stadt St.Gallen natürlich nicht - aber sie ist ein gefundenes Fressen für andere Kandidaten. Das Rheintal, das Toggenburg, das Werdenberg: Sie und andere Regionen haben viel Selbstbewusstsein und können sich mit dieser Doppelvertretung aus dem politischen Machtzentrum St.Gallen wohl schwer abfinden. Jedenfalls die Wähler, die sich nicht einer bestimmten Partei verpflichtet fühlen.
Was heisst das alles für die allfälligen noch folgenden Kandidaturen von SVP und Grünen? Sie haben, um den verschiedenen Forderungen möglichst gerecht zu werden, zwei Schlüsselkriterien zu erfüllen: Es sollte in Ergänzung zu Paul Rechsteiner eine Frau sein, die nicht in der Agglomeration St.Gallen wohnt.
Das ist durchaus eine Knacknuss. Die SVP ist auf dem Land gut verankert, hat aber nicht sonderlich viele Anwärterinnen, die Grünen sind reich gesegnet mit weiblichen Mitgliedern, sind aber traditionell in der Stadt stärker.
Die Partei, die Persönlichkeit, die Region, das Geschlecht: Das sind alles Faktoren, welche Wählerinnen und Wähler miteinbeziehen. Wer die beste Mischung aufweist, der ist im Vorteil. Und bis jetzt haben beide bekannten Kandidaturen mindestens einen kleinen Makel.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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