Der Entscheid ist gefallen. Sie will Bundesrätin werden. Die Medien stürzen sich auf die harten Fakten – und bald auf alles, was Schlagzeilen gibt. Dabei hat Karin Keller-Sutter am Dienstag gezeigt, wie emotional ein solcher Entscheid ist.
Karin Keller-Sutter gilt als Hardlinerin. Dieses Bild verbreiten die Medien gerne von der stets modisch gekleideten und teils unnahbar wirkenden Wilerin. Wer die FDP-Ständerätin kennt, weiss, dass dies nur die eine Seite des Bildes ist.
Als sie am Dienstag vor die Medien tritt, um ihre Kandidatur für den Bundesrat bekannt zu geben, kommt zwischendurch auch die andere Seite zum Vorschein.
Natürlich, Karin Keller-Sutter wirkt souverän, als sie um 14.50 Uhr den Stadtsaal in Wil betritt.
Es dürften gegen 50 Medienvertreter sein, die mit Spannung erwarten, was sie zu sagen hat – und vor allem, wie sie es zu sagen hat. Denn eigentlich wissen alle schon, wofür hier heute zur Pressekonferenz eingeladen wurde. Eine Absage wäre wohl per Email verkündet worden…
Karin Keller-Sutter kennt viele der Anwesenden persönlich und mit Namen.
Das zeigt, wie gut vernetzt sie auch in den Medien ist.
Noch lässt sie sich nicht in die Karten schauen, als sie sich vorne neben die Nationalräte Marcel Dobler und Walter Müller sowie Kantonalpräsident Raphael Frei setzt. Die drei Männer werden später in kurzen Worten erläutern, wieso sie so glücklich über die Kandidatur von KKS sind, dass sie sie unterstützen werden, dass sie ein Glücksfall sei.
Der eine oder andere wartet womöglich noch darauf, dass der langjährige FDP-Nationalrat Walter Müller seinen Rücktritt bekannt gibt. Aber die heutige Bühne gehört ganz und gar Karin Keller-Sutter.
Pünktlich um 15 Uhr übergibt ihr Parteisekretär Christoph Graf das Wort.
Umringt von dutzenden Kameras und Mikrofonen setzt Karin Keller-Sutter an. Gewohnt gefasst. Sie sagt, dass sie dem Land etwas zurückgeben möchte. Sie spricht davon, die Vergangenheit – sie meinte damit den gescheiterten ersten Anlauf in den Bundesrat – hinter sich zu lassen und nach vorne zu blicken.
Sie erwähnt, dass sie sich nicht einfach mit dem Entschluss getan hat. Dass er erst dieses Wochenende, also vor wenigen Tagen, gefallen sei. Sie drückt aus, dass sie sehr wohl wisse, was auf sie zukomme – auch das ist wohl eher ein Blick zurück als nach vorne.
Diese Worte haben es in sich. Karin Keller-Sutter kämpft mit den Tränen. Sie ist sich bewusst, dass es nun kein Zurück mehr gibt.
Tatsächlich wäre eine Absage für alle Medien eine Sensation gewesen.
Aber in dieser Situation wird klar, und KKS sagt es später auch mit den Worten «Ich habe mir wirklich überlegt, wieso ich mir das nochmals antue», dass es für die Wilerin keine leichte Entscheidung war.
Die gescheiterte Wahl im Jahr 2010 hat bei ihr scheinbar tiefe Wunden hinterlassen.
Erst intensive Gespräche mit Politikern – auch über die Parteigrenzen hinaus – hätten sie dazu ermutigt, erneut zu kandidieren.
Karin Keller-Sutter weiss eins zu eins, auf was sie sich nun eingelassen hat, dass bewegte Wochen auf sie warten.
Sie ist Politikerin durch und durch. Aber der Umstand, dass nun alle Augen auf einen gerichtet sind, sich die Medien auf jeden vermeintlichen Skandal stürzen, im Bundeshaus Intrigen geschmiedet werden und das Privatleben auf null Prozent reduziert wird, bringt eine äusserst menschliche Komponenten zum Vorschein.
Man glaubt es ihr, dass sie gezögert hat.
Nach ihren rund zehn Minuten dauernden Ausführungen ist Karin Keller-Sutter dann irgendwie erleichtert. Es ist draussen. Sie kann kurz durchatmen. Rund 15 Minuten. Dann stürzen sich die Medienvertreter für die Einzelinterviews auf sie.
Marcel Baumgartner (*1979) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».
Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.