Wie präsentieren sich die St.Galler Ständeratskandidaten auf ihren Webseiten? Das Spektrum ist breit, sowohl inhaltlich wie grafisch. Nur eine Gemeinsamkeit gibt es: Überraschen will offenbar keiner von ihnen.
Was springt ins Auge, was fällt im Detail auf? Die Webauftritte der Ständeratskandidaten im Kanton St.Gallen in der Übersicht (Links jeweils blau markiert):
In seiner Kampagne ist Kronfavorit Benedikt Würth kurz und bündig «dä Beni». Auf seiner Webseite begrüsst er uns frontal und im Anzug. Das ist durchaus authentisch, die meisten Wähler werden ihn nie ohne Krawatte gesehen haben. Das Lächeln ist sympathisch, der Gesamteindruck wird getrübt, weil die Arme orientierungslos nach unten hängen. Vermutlich befinden sich die Hände in den Hosentaschen, nur sehen wir das nicht.
Inhaltlich bietet Würth das Übliche: Was hat er geschafft, was will er noch erreichen, wo ist er im Wahlkampf anzutreffen und so weiter. Das alles wird auf einer einzigen Seite abgehandelt, man kann die Textfenster, die man lesen kann, für den vollen Beitrag «aufziehen». Insgesamt ist das praktisch. Eher mühsam ist das Navigieren durch die Wahlempfehlungen anderer Personen, bei denen man sich mit winzigen Punkten durchklicken muss.
Sichtbar ist, dass sich «dä Beni» volksnah gibt, er beziehungsweise seine Wahlhelfer setzen auf Helvetismen. Nicht nur im Titel der Seite, auch bei Wendungen wie «Dä Beni im Facebook». Da Würth trotz Regierungsamt nie abgehoben wirkt, passt das durchaus.
Fazit: Soll erfüllt, abgeliefert, was abzuliefern war, aber kaum eine Seite, die man immer mal wieder besucht, da es an Interaktion und News fehlt. Dort setzt man offenbar eher auf Facebook.
Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP)
Die Frage aller Fragen: Wer hat der FDP-Kandidatin geraten, für das Foto ihres Wahlsujets ein blaues Jäckchen über die Schulter zu werfen und es dort festzuhalten? Oder ist es ein leichter Pullover? Durchaus ein beliebtes Motiv bei Wahlfotos - irgendwann in den 80er-Jahren. Vielleicht soll es suggerieren, dass die Rechtsanwältin und Kantonsrätin immer auf dem Sprung ist, möglicherweise soll es Dynamik vermitteln. Letztlich wirkt es aber einfach etwas altbacken. Auch Susanne Vincenz-Stauffacher lächelt uns auf dem Hauptbild frontal an (aber unser Blick wandert immer wieder zum Jäckchen).
Inhaltlich erfährt man CV-artig mehr über ihre Person und in einem (zu langen) Text über ihre Position zu diversen politischen Fragen. Diese sind weitgehend überraschungsfrei. Der Newsbereich ist gegenüber der Webseite von Würth ein Gewinn, wobei er vor allem Leserbriefe zu Gunsten von Vincenz-Stauffacher enthält. Auch hier finden wir Empfehlungen anderer Personen, ein Grossteil davon allerdings aus FDP-Kreisen.
Fazit: Solid und wie zu erwarten im FDP-Stil, um die Linie einzuhalten. Da Vincenz-Stauffacher zwar den FDP-Sitz verteidigen will, gegenüber Benedikt Würth aber doch wie eine Herausforderin wirkt, wäre ein bisschen weniger «Staatsfrau» und mehr Angriff hübsch gewesen.
Der erste Eindruck ist: Haben wir uns auf den Onlineauftritt eines Boulevardmediums verirrt? Links klebt das Bild des Kandidaten, rechts davon der Wahlzettel, der wie ein Ausriss aus Gerichtsakten wirkt, dazu ein grüner Balken, ein roter Balken, ein rotes Kreuzchen - es ist alles ein bisschen viel für das Auge.
Im Porträt zur Person setzt Mike Egger auf eine kleine Biografie ohne viel Pathos, in der er herausstreicht, dass er ein «Büezer» ist, seine gesamte Kampagne ist auch darauf ausgerichtet. Etwas verwirrlich ist, dass wir unter «Standpunkte» vor allem kantonale Themen finden, die Egger als Kantonsrat beackert hat. Als Ständerat würde er sich dann weniger um die St.Galler Finanzen oder die kantonale Standortförderung kümmern können. Seiner Arbeit als Kantonsrat ist auch eine ganze Unterseite gewidmet. Offenbar setzt Egger vor allem auf diesen Leistungsausweis, um zum nächsten Sprung anzusetzen.
Viel Platz widmet der Bernecker den Medienberichten zu seiner Person (das freut uns immer)
Fazit: Der Auftritt ist stimmig in Bezug auf Eggers Partei, die SVP. Die setzt im Web selten auf Hochglanz und Innovationen. Die Seite ist eine Visitenkarte und erfüllt damit ihren Zweck wohl.
Der Kandidat der Grünen kommt entgegen dem Klischee alles andere als «handglismet» daher im Netz. Kein Wunder, er hat sich einfach der Vorlage der Webseite seiner Partei bedient. Das ist praktisch, raubt aber natürlich die Möglichkeit, dem Ganzen eine individuelle Note zu geben.
Aufgebaut ist das Ganze praktisch wie eine Newsseite mit kurzen Textblöcken, die geöffnet werden können. Es entsteht der Eindruck eines aktiven, umtriebigen Kandidaten mit Ambitionen. Getrübt wird er durch gewisse nicht nachvollziehbare Dinge. Unter «Positionen» erscheint ein Interview mit einem Professor (und nicht etwa dem Kandidaten) zum Arbeitsgesetz. Es wird nicht klar, was es da verloren hat und ob es vielleicht auch die Meinung von Ziltener wiedergibt.
Fazit: Man erfährt alles, was man wissen muss, aber die starke Anlehnung an die Grünen im ganzen Auftritt ist eine verpasste Chance, die Kandidatur zu öffnen gegenüber parteilosen Wählern mit Sympathie für den Kandidaten.
Was das Kampagnenbild angeht, setzt Sarah Bösch auf Unterscheidung. Sie posiert in der Lederjacke und setzt damit einen Kontrapunkt zur üblichen Politikergarderobe. Inhaltlich konzentriert sie sich auf ein einziges Thema, die Familienpolitik. Das ist aus zwei Gründen schwierig. Zum einen werden an Wahlpodien auch andere Themen auf den Tisch kommen als Böschs Steckenpferd. Und zum anderen werden viele Entscheidungen, die Familien betreffen, auf kantonaler Ebene gelöst.
Es gibt das eine oder andere exotische Element auf der Webseite, beispielsweise eine Textbox mit Infos zum «St.Galler Lied» (mit Notenblatt). Oder auch, dass sich das Spendenkonto der St.Galler Ständeratskandidatin bei der Thurgauer Kantonalbank befindet. Ansonsten findet man aber alles, was man über sie erfahren will, eingebaut sind auch Videoclips.
Fazit: Sarah Bösch kann auf keine Parteistrukturen setzen, insofern ist der Webauftritt durchaus in Ordnung und fällt gegenüber denjenigen mit mehr Mitteln nicht massiv ab. Als Aussenseiterkandidatin hätte hier aber durchaus mehr Mut zu einer unkonventionelleren Präsenz spielen dürfen.
Wenn uns unsere Augen (oder Google) nicht völlig im Stich gelassen haben, verzichtet Andreas Graf von den Parteifreien auf eine eigene Webseite für die Ständeratswahlen. Er begnügt sich mit Informationen auf seiner Unterseite seiner Nichtpartei-Partei. Zu sehen ist er in einem Bild im Passfotoformat.
Und dann folgt Text. Viel Text. Sehr viel Text. Kein Wunder, der grösste Teil davon bezieht sich auf frühere Kandidaturen von Graf. Nur der oberste Teil nimmt überhaupt Bezug auf den Wahlgang vom 10. März 2019, danach findet man Interviews und Stellungnahmen aus den Jahren 2015 und 2016. Möglicherweise stimmen seine Positionen von damals noch mit denen von heute überein, aber der Sprung in die Vergangenheit wirkt etwas seltsam.
Und die Inhalte wirken leicht abgehoben von den Bedürfnissen des Durchschnittswählers. Unser Favorit ist der Satz: «Ein Ständerat muss aber auch gesamtschweizerische Vorlagen verstehen.» Ja, da gehen wir in der Tat davon aus, das wäre wirklich hilfreich.
Fazit: Niemand ist gezwungen, viel Aufwand für seine Kandidatur zu betreiben. Der versteckte Auftritt im Rahmen der eher unbekannten Parteifreien macht es Wählerinnen und Wählern aber nicht gerade einfach, an Informationen zu kommen.
Der Widnauer hat den grössten Bedarf aller Kandidaten, punkto Bekanntheit aufzuholen. Er ist, auch wenn er einst der BDP angehörte, politisch ein unbeschriebenes Blatt. Auf seiner Webseite holt er einiges nach und gibt gerafft Auskunft über seine Positionen. Der Auftritt ist allerdings übertrieben minimalistisch: Die Startseite kommt ohne Bilder aus und auf etwas gar therapeutisch wirkenden Pastell-Farben. Es muss ja nicht unbedingt knallen, aber die Zurückhaltung ist gar gross hier.
Was fehlt, ist ein knackiger Forderungskatalog, der seine Bestrebungen auf einen Satz herunterbricht. So muss man sich durch (wenigstens relativ kurze) Textblöcke lesen, die zudem wenig konkrete Rezepte beinhalten. Dass die KMU das Rückgrat unserer Wirtschaft sind, dürfen wir vor Wahlen bei 80 Prozent aller Kandidaten nachlesen. Für einen Aussenseiter hätte hier die Chance bestanden, mit wirklich originellen Positionen Aufsehen zu erregen. So steht die Forderung, mit seiner Wahl «neue Wege» zu gehen, ein bisschen verloren im Raum, weil nicht ganz klar wird, worin diese bestehen.
Fazit: Pfister löst die Verpflichtung ein, der Wählerschaft Rechenschaft abzulegen über sich, und vermutlich war auch die Zeit knapp, mehr zu machen, er ging «last minute» ins Rennen. Da er nichts zu verlieren hat, wäre es aber wünschenswert gewesen, wenn sich der Rheintaler stärker differenziert hätte vom Feld.
Stefan Millius (*1972) ist freischaffender Journalist.
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